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VN-Autorenbeitrag. Linda Achberger (24) steht vor der nächsten Uraufführung im Kosmodrom

Jetzt ist mir klar, dann bin ich Panda

Vielleicht sollte ich wieder mehr Sport machen. Oder weniger rauchen. Okay, mehr Sport machen. So richtig mit Hanteln und wie man es jetzt hat, mit so einem Sport-BH, der eigentlich nur ein BH ist, aber trotzdem tun alle so, als wäre es ein Shirt. Und mit Proteinshake, ich darf ja nicht den Proteinshake vergessen! So Banane oder Erdbeere, schön mit Molke von Weidekühen darin, da schmeckt man die Almwiese richtig raus! Warum muss Maleka denn unbedingt am anderen Ende der Stadt wohnen? Und warum muss ich denn auch auf einem Hügel wohnen? Was bringt mir denn dieses Wegvonallem? Weil ich komm richtig ins Schnaufen hier. Hör mich an wie ein Wüstenfuchs bei Geburt. Weiß zwar nicht, wie ein Wüstenfuchs bei Geburt klingt, aber irgendwie stell ich mir das so vor. Ich hoffe, niemand kommt jetzt vorbei und sieht mich so und hört mich so schnaufen und denkt sich: Wüstenfuchs! Das wäre mir schon peinlich, weil eigentlich laufe ich ja nur, und so steil ist es auch wieder nicht. Aber ich bin ja schon durch die ganze Stadt gelaufen. Okay, am Anfang bin ich ja kurz Bus gefahren, aber dann musste ich ja wieder aussteigen, weil hier keiner mehr fährt. Auf GoogleMaps schaut die Entfernung von Maleka zu mir nicht so weit aus, aber wenn man dann wirklich läuft, dann ist das so wie früher auf dem 10er im Freibad: Man steht unten, schaut hinauf und denkt sich so: Kinderspiel. Und dann steht man oben, und nichts da. Jedenfalls ist der Weg nicht wirklich angenehm, ich meine zum Laufen. Ich meine, man sieht ja, dass es regnet und die Pflastersteine ganz nass sind. Ich hätte mir Schuhe mit mehr Grip kaufen sollen, dann würde ich jetzt nicht so herumrutschen auf den nassen Steinen. Dass ich so schnauf, das kommt ja sicher nicht davon, dass ich zu wenig Sport mache. Das kommt sicher von der Aufregung und den Hormonen, die ich vorhin bei Maleka ausgeschüttet habe, klingt zwar vielleicht neu, Hormone und zum Schnaufen bringen, Frauendings denken sich da bestimmt einige, aber bei mir ist es so, weil ich hab auch bei jedem Schritt so ein Gefühl. Weniger ein Gefühl des Fallens, das man so hat, wenn man einschläft, das ist nämlich schön, da wird einem vieles bewusst. Eher ist es so ein Stillstand, ein Stehenbleiben, eben wie es so ist, wenn man über eine Schneedecke läuft, über nasses Gras und wenn sich die Halme dann so aneinanderlegen. Und wie wenn man dann einen Schritt macht und dann nach hinten rutscht, das kennt jeder, und ich weiß nicht, ob das ein schönes Gefühl ist, aber meine Hormone, die mögen das. Aber hin oder her, muss ja laufen, um nach Hause zu kommen und das Video für meinen Channel zu machen. Das ist, glaube ich, das Richtige. Das ist in etwa so wie eine Flasche Rotwein öffnen und dann irgendwie nicht nur ein, zwei Gläser trinken, sondern alles. Das ist auch das Richtige. Rotwein wäre jetzt etwas. Ich glaube ich habe noch eine Flasche zuhause. In Gedanken bin ich ganz bei der ganzen Problematik hier, nicht bei dem Rotwein, nicht bei dem Rotwein, nicht bei dem Rotwein! Man kann das alles nämlich nicht so stehen lassen, was war und was noch immer ist. Und was sein wird, das kann ich nicht so stehen lassen, da muss ein Video her.

Sowieso hab ich ja schon länger kein Video mehr gepostet, kann meine Followerinnen nicht so hinhalten. Die gehen mir sonst noch verloren, wenn da nie was Neues kommt. Ja, okay, vielleicht sollte ich nicht so langsam gehen, eilt ja, die Angelegenheit. Wenn nicht jetzt, wann dann? Außerdem fühlt sich mein Gesicht ja nicht so toll an, so bisschen nach aufgeweichtem Brot fühlt es sich an, so nach Sonnenbrand. Die können mich mal, die können mich mal! Also bisschen schneller als gehen muss ich wohl, will nicht unbedingt hier draußen auf der Straße sein. Fühlt sich nicht so save an, die können mich wirklich mal! Also, schneller machen, nix da geschwängerte Wüstenfüchsin, bisschen schneller, immer schneller, vielleicht sollte ich lieber rennen. Ja, rennen. Aber das geht nicht, habe ja keinen Sport-BH an. Kein Sport ohne Sport-BH! Steht auf „gutefrage.net“, da kriegt man Hängebusen von. Und so hängend macht das ja nichts her, da fehlt der Grip. Vor lauter Ablenkung hätte ich fast vergessen, warum ich eigentlich so schnell mache. Mach’ das ja nicht zum Spaß, diesen Stadtlauf, stehe ja auch nicht abends im Bad und denk mir so: Zahnseide, was für ein Spaß!

 

Fast schon vergessen, vor lauter fremden Gedanken, die mich ablenken, fast schon vergessen, wie es um mich rum ist. Die Stadt kommt mir irgendwie vor wie ein Mann, der tot daliegt. Und der ganz blass im Gesicht ist und die Gliedmaßen komisch angewinkelt hat, so wie man es von „Soko Kitzbühel“ kennt. Und dann kommt immer der Kommissar und sagt so: Mmh. Und schaut so doof, als wolle er draufkommen, wie das die Leiche geschafft hat, so angewinkelt hinzufallen. Und dann immer das rot-weiße Absperrband und die Leute dahinter, die nur gucken wollen. Aber hier sind keine Leute, die gucken, keine Leute, fast niemand auf der Straße. Vielleicht waren die Männer nicht nur bei Maleka, vielleicht auch bei anderen. Kommt einem ja vor, als würde sich niemand mehr trauen rauszugehen. Aber kann ich ja nicht wissen, ob das nur bei Maleka war. Kann ich ja nicht wissen, drum muss ich das Video machen und erzählen, was passiert ist. Wachrütteln und so. Aufstehn, aufstehn! So kluge Leute sagen ja: Wenn man Angst hat, dann haben die anderen gewonnen. Die meinen auch, die sind ganz klug, weil so dahersagen, das ist leicht. In der Praxis schaut das anders aus, nichts mit rationell denken. Aber ob das eigentlich groß was bringt, ein Video zu machen? Als würde ich da groß etwas bewegen können, aber na ja, irgendwas muss ich ja wohl machen für mein Gewissen und sowieso. Ich filme lieber jetzt schon auf dem Weg und schneide das daheim zusammen. Da wirkt es viel besser, wenn es regnet und tut um mich herum, das hat so eine Stimmung, das wirkt viel dramatischer. Theatralisch fetzt das mehr. Und dann kommt auch die Drastik der Situation mehr rüber.

 

„Hallo, ich bin’s, die Juliane, ich hab da ein Anliegen oder vielleicht ist es eher eine Anklage oder vielleicht beides.“ Nein, stopp, viel zu schwammig, viel zu schwammig, vielleicht sollte ich mal überlegen, was ich denn überhaupt sagen will. Hoffentlich denkt sich dann niemand, was macht denn die Verrückte da, mitten im Regen und mit einem blauen Auge und hat nichts besseres zu tun, als sich selbst zu filmen. „Haters gonna hate hate hate hate hate“, hat die eine ja schon gemeint, wie heißt die nochmal, so Scarlett-Johansson-Verschnitt, halt ohne die dicken Lippen. Selbstdarstellung, so ein Blödsinn! Mach ja nicht zum Spaß ein Video, nein, muss ja fast, ist ja fast ein Fliehen, was ich hier mache, weil es hier so ungut ist. Manchmal denk ich mir, das Leben ist ein einziges Fliehen. Und sowieso, wenn man dann mal stehen bleibt, weil Atem und Wüstenfuchs, dann gibt’s gleich von hinten. Manchmal denk ich mir, ich sollte öfters stehen bleiben. Scheiß auf von hinten. Aber jetzt muss ich ja fast da den Hügel rauf, bisschen Sport machen, aber Sport, das passt in dem Zusammenhang eigentlich gar nicht. Ist ja ernst die ganze Thematik, gehört ja nicht unbedingt zu meiner Tagesroutine, eins draufkriegen. Und der Regen da ist auch nervig, der ist so hart, der macht meine Haare ganz brettig. Aber das da geht ja einfach nicht mehr, da muss man ja wohl was machen. Hat ja nicht schlimm angefangen, eigentlich überhaupt nicht. Bisschen Stress hier, bisschen Stress da, aber halt normal. Und jetzt? Jetzt hat sich das raufgesteigert, das ist jetzt ins Extreme gegangen. Und Extreme sind ja selten gut, Extreme sind selten gut, selten gut! Für manche vielleicht normal, dass man sein Land liebt, ja okay, Zugehörigkeit akzeptiere ich ja gerade noch so halb. Aber lieben? Lieben ist ein Extrem. Und ich mag ja manche Leute auch nicht, geb’s ja zu, aber das sind dann triftige Gründe, eher so persönliche. Wie damals das mit Frank und der einen da. Und nicht so wie jetzt: so bisschen anders ausschauen und dann gleich scheiße finden. Da kommen wir ja nirgends hin mit, wenn jeder nur noch jeden scheiße findet. Und deswegen möchte ich ja ein Video machen, weil es so nicht geht, weil wir da ja nirgends mit hinkommen. Weil das ist für mich irgendwie die einzige Möglichkeit, dass man hört, was ich sage. Und zwar nicht nur Mama am Telefon, die ab und an mhm, mhm sagt und da hast ja schon recht, aber. Hab ja relativ viele Followerinnen, ein paar von denen werden mir vielleicht zuhören und sich auch denken, dass das so nicht mehr tolerierbar ist.

Ich meine, die Spitze schaut ja schon längst aus dem Wasser raus, da muss man nicht mal lang den Berg unter Wasser rammen, das sieht man ja von freiem Auge. Außer man trägt halt Augenklappen, so Piratenklappen, die arg gefährlich ausschauen und man dann einen auf cool machen kann, aber wer hat das heute denn noch? Im Fasching vielleicht ja, aber das ist ja ein anderes Kapitel, da verkleidet man sich ja auch als Schmetterling und denkt nach fünf Jägermeister, man könne fliegen. Klar, werden ja nicht alle zuhören, aber eine Followerin erreichen ist besser als gar keine. Hätte Gandhi sicher so unterschrieben. Okay, nochmal versuchen: „Hallo, ich bin’s, die Juliane, ich klage an. Ich schlage an die klingende Schale.“ Das ist gut! Da werden sie gleich zu Beginn ganz aufmerksam sein, weil anklagen und anschlagen, das ist Reim, das fetzt. Und weiter? Weiter ist schwer, ich muss das irgendwie klug und schön verpacken. Dass die nicht noch abschweifen und auf Facebook ihren Newsfeed aktualisieren, um zu schauen, ob mittlerweile was Neues passiert ist. Warum regnet es denn plötzlich so arg? So klappt das mit dem Filmen nicht, verschwommenes Bild wegen Regentropfen auf der Linse ist ja nicht so schick. Ach, und jetzt fängt es auch noch an dunkel zu werden, diese Jahreszeiten immer, da denkst du, schön hell bis um neun, und dann zack, von einem Tag auf den anderen eine Stunde früher dunkel. Sommer- und Winterzeit, so ein Blödsinn, wer hat sich denn das auch wieder ausgedacht? Vom Stromsparen werden wir auch nicht glücklich. Da stimmen die Lichtverhältnisse dann im Video nicht mehr, nichts da mit Schokoladenseite. Gestern war es ja noch relativ gut, wolkig bis heiter, würd man ja so sagen, ja, und heute, zack: Regen. Da denkt man sich nichts, und dann wie Weltuntergang. Wenn ich dann endlich zuhause ankomme, dann wird meine Wimperntusche nicht mit­ankommen. Hätte ich doch mal lieber die Benefit BadGal Waterproof Mascara gekauft. Aber Wimperntusche kaufen, auf der BadGal steht, kann ich ja kaum vertreten. Und daneben stand halt die eine um nur 2,79. Und ich habe mich noch gefragt, wo da der Haken ist. Aber jetzt ist es mir klar, denn die geht mir hier auf dem Weg verloren und dann bin ich Panda.

„Wir brauchen doch keine Bienen um uns zu bestäuben“ von Linda Achberger, wird im Kosmodrom des Theaters Kosmos in Bregenz am 3. November uraufgeführt. Weitere Termine: 4. und 5. November

Zur Person

Linda Achberger

Geboren: 1992 in Hörbranz

Ausbildung: Studium der Germanistik und Geografie in Innsbruck, seit 2015 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig

Publikationen: Hörspiele und Kurzdramen, Beiträge in Anthologien, Kurzgeschichten in den VN

Auszeichnungen: Arbeitsstipendium des Landes Vorarlberg, Sonderpreis des Schwäbischen Literaturpreises

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