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“Politikern fehlt Lust an der Kultur”

von Christa Dietrich
Das Projekt „Gauls Kinderlieder“ läuft seit 30 Jahren: „Pädagogen, Politiker, Musiker und Eltern müssen sich viel intensiver damit auseinandersetzen, was in einem Kind vorgeht.“  Foto: Spielboden

Das Projekt „Gauls Kinderlieder“ läuft seit 30 Jahren: „Pädagogen, Politiker, Musiker und Eltern müssen sich viel intensiver damit auseinandersetzen, was in einem Kind vorgeht.“ Foto: Spielboden

Dass Kunst für alle da ist, berücksichtigt einer seit Jahren mit Nachdruck: Ulrich Gabriel.

Dornbirn. Wenn wir vom 30-Jahr-Jubiläum des Projektes „Gauls Kinderlieder“ sprechen, dann heißt das, dass pro Jahr rund 2000 Kinder mit qualitätsvoller, exakt auf sie zugeschnittener Musik zum Mitmachen konfrontiert wurden. „Inzwischen singe ich mit Kindern, deren Eltern schon mit mir musiziert haben“, freut sich Ulrich Gabriel (68) über die Resonanz seiner Arbeit. Der Musiker, Pädagoge, Kunstvermittler, Autor und Verleger lässt keine Ermüdungserscheinungen erkennen, wenn es erstens darum geht, den hohen Wert des gemeinsamen Singens in Bewegung zu erläutern, und wenn er zweitens aufzählt, woran es in Vorarlberg fehlt. Und da steht für ihn außer Frage, dass die diversen Institutsleiter im Land zwar den Aufgaben in ihren Häusern (von den Museen bis zu den Theatern) nachzukommen haben, dass die Kunst aber auch hinaus gehört, also dorthin, wo alle Menschen damit konfrontiert, überrascht, angeregt werden können. Mit „neue Initiativen schaffen“ erfüllt er den Wunsch nach Konkretisierung seines Anliegens: „Es geht darum, auch den ,Tatort‘-Seher mit Projekten zu konfrontieren, die ihn erstaunen, die direkte Begegnungen schaffen, und zwar nicht nur in den Städten, sondern möglichst auch in entlegenen Regionen.“ Kunst müsse allen als veritable Sinngebung angeboten werden.

Kuratoren statt Kommission

Was plausibel klingt, sieht Ulrich Gabriel, seit den 1980er-Jahren auch als Kulturvermittler und -veranstalter tätig, in Vorarlberg trotz des unter Kulturlandesrat Christian Bernhard erstellten Strategiepapiers, ein mit „Allgemeinplätzen aufgeplustertes Heft“, nicht erfüllt. Von einem Strategiepapier werde er nicht berührt, erklärt er, und überhaupt traut er sich festzuhalten, dass den Kulturpolitikern im Land „die Lust an der Kultur fehlt“. Kunst lebe von Begründungen, Entscheidungen, Auseinandersetzung und Aufregung. Man gestalte hingegen nicht, sondern man verwalte und verstecke sich hinter den Kunstkommissionen, die ihre Empfehlungen nicht zu begründen haben, wie es beispielsweise eine Wettbewerbsjury tut. Auf Expertengremien gänzlich zu verzichten, sei allerdings nicht das, worin er einen Ausweg sieht, Gabriel plädiert vielmehr für das Einsetzen von Kuratoren. Vier bis fünf kompetente Personen sollten ein schlagkräftiges Team bilden, das für eine bestimmte Zeit einberufen wird. „Ich halte außerdem eine regionale Aufteilung für wichtig, im Walgau und im Montafon stellen sich die kulturpolitischen Fragen anders als in Bregenz, im Rheintal und im Bregenzerwald. Es muss regionale Servicestellen geben, das schafft Interesse.“ Kultur und Tourismus seien nicht grundsätzlich voneinander zu trennen, es dürfe sich aber keine „sklavische Haltung“ ergeben, wer für Kultur verantwortlich ist, habe sich auch um vernachlässigte Bevölkerungsschichten zu kümmern.

Kontaktchor

Als eine seiner vielen Initiativen ist Ulrich Gabriel Mitbegründer eines Kontaktchores. Männliche Flüchtlinge bilden das Basisensemble. Um erstens Literatur für gemischte Chöre singen zu können und zweitens gleich einmal klarzustellen, dass Frauen bei uns absolut gleichberechtigt sind, kamen Sängerinnen hinzu. Inzwischen treffen sich 40 bis 50 Leute in regelmäßigen Abständen in Feldkirch, erarbeiten Werke, lernen die Sprache und lernen voneinander.

Das Projekt „Gauls Kinderlieder“ hat übrigens eine Ausweitung erfahren. Ein Musikmalbüchlein, ein „Mumabü“ wurde gemeinsam mit den bekannten bildenden Künstlern Harald Gfader, Claudia Mang und der Designerin Sylvia Dhargyal erarbeitet. Und dass der Jazzfachmann Rolf Aberer die Arrangements sorgsam überwacht, ist Gabriel wichtig. Kunst für alle heißt für ihn auch hohe Qualität für alle.

Jubiläumskonzert von „Gauls Kinderlieder“, 29. Oktober, 14 und 16 Uhr, Spielboden Dornbirn. Präsentation des neuen Musikmalbüchleins.

Ein Strategiepapier berührt nicht, wer Kulturpolitik macht, muss Gestalter, nicht Verwalter sein.

Ulrich Gabriel
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