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VN-Autorenbeitrag. Felix Kalaivanan (23) ist Filmemacher und Autor

Anton der Zauberer und Diogenes

Ausgangspunkt und Fortgang meiner Recherche: Mitte September im Jahre 2013 ging ich mit einem Freund in der Nähe seines Elternhauses spazieren. Dieses steht am Dorfrand einer kleinen Gemeinde im Vorarlberger Rheintal. Wir schlenderten durch das Ried und die anliegenden Felder, die zu dieser Zeit bereits abgeerntet waren. Inmitten dieser Einöde stand eine kleine Hütte und davor hackte ein Mann Holzscheite zurecht, dem das Alter ebenso anzu­sehen war wie dem hinter ihm befindlichen Gebäude. Mein Freund bestätigte mir, dass dieser Herr zu jeder Jahreszeit ohne Strom und fließend Wasser in dieser Riedhütte wohne und fügte hinzu, man sage im Dorf, er sei „nicht ganz richtig im Kopf“. Mein Freund konnte mir aber nicht mehr darüber berichten.

Im Jänner begann ich die Interviews mit den Anwohnern des Rieds zu führen um mehr über den Mann heraus zu finden. Eine Anwohnerin und gute Bekannte von mir erklärte sich bereit, mich zur Hütte zu begleiten, auch sie interessiert sich schon lange für die Geschichte des alten Mannes. Glücklicherweise war der Einsiedler schon jetzt, Anfang Februar, bei der Gartenarbeit. Also sprachen wir ihn an.

Autarkes Leben: Anton lebt seit über 200 Jahren in einer Hütte im Ried, einem Naturschutzgebiet, und nur wer sie kennt, kann sie finden. Anton lebt weitgehend autark. Der 300-Jähre ernährt sich vegetarisch. Gemüse, Getreide und Obst wird von ihm selbst angepflanzt, wenige Lebensmittel, wie etwa Milch, werden in kleinen Mengen angeschafft und schnellstmöglich verbraucht, weil es in der Hütte keinen Strom und damit auch keinen Kühlschrank gibt. Er baut selbst Mais, Weizen und Roggen an und backt daraus Sauerteigbrot oder kocht Riebel, ein einfaches Gericht aus Mais und Weizengrieß, das für die Region typisch ist. Wasser fördert Anton mithilfe eines 13 Meter tiefen Grundwasserbrunnens. Seit zwei Jahren weist das Wasser Verunreinigungen durch Sand auf, vermutlich hat sich der Grundwasserpegel geändert. Aber Anton weiß sich zu helfen: Er sammelt das Wasser in Eimern und wartet so lange, bis der Sand sich abgesetzt hat. Zur Beleuchtung werden Kerzen benutzt. Zwar besitzt Anton auch eine Petroleumlampe, aber das Öl dafür sei inzwischen zu teuer geworden.

Eigenheim: Die Hütte selbst besteht nur aus einem Vorraum und einem einzelnen Wohn- und Schlafzimmer, in denen Anton seine Habe unterbringt. Die Einrichtung ist spärlich und besteht nur aus einem Doppelbett, vor dem ein Tisch, ein Stuhl und eine Sitzbank stehen, einem alten Herd aus Gusseisen und einigen Kästen, in denen das Nötigste verstaut wird. Über dem Bett hat Anton sich auf einem Wandbrett einen Herrgottswinkel eingerichtet und mit einer Marienstatue und vielen Heiligenbildern bestückt. Für den Bau der Hütte wurden großteils Recyclingmaterialien verwendet, so stammt das meiste Holz von einer alten Rheinbrücke, die durch eine neue Konstruktion aus Stahl ersetzt wurde und die Eternitschindeln bedeckten einst das Dach einer Metzgerei.

Kein einfaches Leben: Geboren wurde Anton weit weg von hier in einem fernen Land. Der Vater erkrankte an einer schweren Krankheit, die es damals nicht zu behandeln galt und wurde zum Invaliden. Auch seine Mutter war körperlich anders, sie war ein Zwerg und hatte aufgrund einer krummen Wirbelsäule einen Buckel. Der Vater zog mit seiner Ziehharmonika von Dorf zu Dorf, von Schloss zu Schloss und bettelte. Während der Kriegsjahre lebte die Familie in ständiger Angst, weil immer wieder Invalide spurlos verschwanden und vermutlich dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Oft wechselte die Familie die Bleibe und zog eben dahin, wo der Vater Arbeit fand. Meist kamen sie in ärmlichen Baracken oder Wohnwagen unter. Anton ging vier Jahre zur Volksschule und ein Jahr zur Hauptschule, musste aber zwei Klassen wiederholen und sagt selbst, dass er kein guter Schüler gewesen sei. Seine Ausbildung zum Hutmacher schloss er aber mit Auszeichnung ab.

Als Anton von einem Traum erzählte, zog die Familie nach Vorarlberg. Hier arbeitete Anton in verschieden Bereichen in den verschiedensten Berufen und verdiente gutes Geld. Nächstenliebe und Bescheidenheit. Trotz seiner guten Anstellungen lebt er seit Jahrzehnten so bescheiden, wie es in unserer Klimazone überhaupt möglich ist. Und anstatt sich selbst für sein hartes Lebensschicksal zu bedauern, hilft er lieber anderen: Stolz präsentiert er uns mehrere Fotografien, auf denen seine Patenkinder aus aller Welt zu sehen sind. Offensichtlich unterstützt sie Anton schon seit vielen Jahren. Durch diese Hilfe hatte etwa ein junger Inder die Möglichkeit, das Priesterseminar zu besuchen und Theologie zu studieren.

Rechtliches zur Riedhütte: Das Häuschen wurde von Anton und seinem Vater eigenhändig erbaut. Nach dem Tod der Mutter zog auch noch eine Tante ein. Anton und sein Vater teilten sich ein Doppelbett, die Tante schlief auf einem zweiten Bett, all das im selben Raum. Dass seine Eltern und Anton diese Hütte im Ried errichten und bewohnen durften, lag vielleicht auch an den dramatischen Umständen der elterlichen Körperverfassung. Jedenfalls steht es Anton noch bis zu seinem Lebensende zu, in der Hütte wohnhaft zu bleiben, für eventuelle Erben erlischt dieser Rechtsanspruch jedoch.

Vorurteile und Mutmaßungen widerlegt: Anton macht einen klugen Eindruck. Zur Unterhaltung dient ein Radio, aber oft kann er sich nicht entscheiden, welche der vielen interessanten Sendungen er sich nun anhören soll. Besonders gerne hört er immer sonntags um 14 Uhr die Sendung „Menschenbilder“ auf Ö1. Er liest viel, vor allem in der Bibel, aber auch Biografien, wie zum Beispiel jene Carl Lamperts. Anton schreibt auch selbst, meist sind es Briefe an seine Patenkinder oder die Verwandtschaft. Aber Anton korrespondiert auch mit dem in Brasilien tätigen Bischof Erwin Kräutler, der im Jahre 2010 für seinen Einsatz für die Menschenrechte der Indios und die Erhaltung des tropischen Regenwaldes im Amazonas-Gebiet mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Anton zeigte uns auch einen Kalender, in dem er stichwortartig Tagebuch führt. Darin berichtet er über seine alltäglichen Tätigkeiten, etwa seine Gymnastikübungen, aber auch über das Wetter, oder mit welchen Spaziergängern er bei der Gartenarbeit ins Gespräch kommt. Durch den Kalender wird mir klar, dass Anton bei Weitem nicht so einsam ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Fast jeden Tag erhält er Besuch oder trifft neue Zufallsbekanntschaften. Er will auch gleich unsere Namen erfahren, um unsere Begegnung einzutragen.

Über das Glück und die Einsamkeit: „Das ist nicht normal, wie ich lebe, das ist nicht das Übliche,“ weiß Anton selbst, doch er wirkt sehr zufrieden. Uns gegenüber war er von Anfang an sehr kooperativ und erzählte uns offen und ehrlich seine Lebensgeschichte und unterstrich alles mit passenden Fotos, Briefen und Literatur. So legte er uns ein handgeschriebenes Dokument vor, in dem jeder seiner Arbeitgeber, die Art der Tätigkeit und die Beschäftigungsdauer akribisch und chronologisch aufgelistet waren. Anton hat ein hartes Leben hinter sich, Hunger, Armut und soziale Isolation seien für ihn allgegenwärtig gewesen. Immer wieder betont der alte Mann die Liebe und Achtung gegenüber seinen Eltern, denen er immer gefolgt ist und sie unterstützte, soweit es ging. Auch dadurch erfuhr sein Leben wohl eine starke Einschränkung: Für das Gründen einer eigenen Familie war keine Zeit. Vermutlich waren auch jene Patenkinder überrascht, die Anton in seinem Heim empfangen konnten oder die auf andere Art über seinen Lebensstil erfuhren. Aus dem Kongo oder Indien kommend, hätten sie sich den Lebensstandard ihres europäischen Unterstützers sicher nicht so bescheiden vorgestellt.

Ich frage ihn, ob er glücklich ist mit seinem Leben. Er lächelt. „Im Alter, da werde ich wie Diogenes. Solange mir niemand in der Sonne steht, bin ich zufrieden.“

Der langsame Vogel

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, denke ich mir und stehe auf. Es ist Sonntag, es hat wieder geregnet in der Nacht, aber jetzt ist es nur noch nass draußen.

Ich gehe in den Garten und ernte Salbei, um Tee zu kochen. Als dieser zieht, brüte ich vor mich hin und denke über meinen Tagesverlauf nach, entscheide mich für Frühstück im Bett, habe kein Frühstück und gehe zur Bäckerei. Auf dem Weg dorthin stelle ich mir vor, wen ich alles dort treffen könnte. Bis auf die Bäckerinnen treffe ich niemanden. Dafür bekomme ich den letzten Nussbeugel. Ich zahle und bin etwas enttäuscht von der fehlenden Kommunikationsfreude. Wie die Menschen nun mal sind, wenn sie bereits um drei aufstehen müssen, um schlaftrunken um halb sechs die frischen Semmeln aus dem Ofen zu ziehen. Was soll man ihnen vorwerfen, an einem Sonntag, wenn es geregnet hat.

Also hole ich mir bei der Trafik um die Ecke noch eine Packung Zigaretten, auf dem Rückweg komme ich wieder an der Bäckerei vorbei und entschließe mich, vor dem Tee zuerst noch zu eben jenem gerade erworbenen Tabakprodukt einen Espresso zu trinken. „Coffee and Cigarettes“.

An der Kaffeetheke treffe ich meinen Mitbewohner. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen und verabreden uns für den Abend. Damit ist die Tagesplanung schon vor dem Frühstück erledigt. Ich setze mich vor die Bäckerei mit Kaffee und Zigarette auf eine nasse Bank und genieße die beiden den Kolonien entzogenen Genussmittel ohne Reue.

Als ich meinen Kaffee beendet habe, esse ich die Hälfte des zugehörigen Biscuits, die andere mag ich nicht. Mir gegenüberliegend sitzen zwei Spatzen auf den kahlen Ästen eines Busches, sitzen und beobachten an diesem Sonntagmorgen neu und gierig mein Frühstück aus Koffein und Nikotin.

Ich werfe ihnen den halben Keks hin. Der eine Vogel ist schneller als der andere und bekommt den ganzen halben Keks. Der andere schaut nicht weniger hübsch aus als der andere.

„Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Da kommt ein dicker Mann mit Schnurrbart aus der Bäckerei, hustet kurz ungesund, schaut zu mir herüber, dem Rauchenden, folgt meinem Blick, sieht die beiden Spatzen, grinst und wirft ihnen eine Handvoll Krümmel zu. Die beiden machen sich kollektiv darüber her.

Zu Hause bei Salbeitee und Nussbeugel lese ich in einer Fachzeitschrift, dass es bei Vögeln schnellere und langsamere gibt, die langsameren aber eine höhere Lebenserwartung haben.

Der langsame Vogel fängt den Wurm.

Neue Arbeiten von Felix Kalaivanan laufen beim Videograndprix Liechtenstein am 19. November im Küefer Martis Huus in Ruggell, am 6. November wird bei „Texte u& Töne“ im ORF-Funkhaus in Dornbirn sein Hörspiel „360 Flip“ aufgeführt.

Zur Person

Felix R. Kalaivanan

Geboren: 1993 in Feldkirch

Ausbildung: Filmakademie Wien (Buch und Dramaturgie; Schnitt)

Tätigkeit: Filmschaffender, Autor

Wohnort: Wien, Götzis

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