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„Alles ist heute gefährlich“

von Christa Dietrich
Textbilder bzw. Textskulpturen, die sich über sämtliche Räume ziehen, machen die Ausstellung von Lawrence Weiner im Kunsthaus Bregenz aus. Fotos: VN/Paulitsch

Textbilder bzw. Textskulpturen, die sich über sämtliche Räume ziehen, machen die Ausstellung von Lawrence Weiner im Kunsthaus Bregenz aus. Fotos: VN/Paulitsch

„Was es braucht“ listet Lawrence Weiner im KUB Buchstabe für Buchstabe auf.

Bregenz. „Der Guru mit Rauschebart“ war im Kunsthaus Bregenz bereits vertreten, als der schöne Bau von Architekt Peter Zumthor vor knapp 20 Jahren seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Lawrence Weiner, geboren 1942 in New York und so gut wie weltweit bekannt als Mitbegründer der Konzeptart, zählt zu jenen 50 Künstlern, die Gründungsdirektor Edelbert Köb für die Eröffnungsausstellung per Videointerview als jene porträtieren ließ, die erstens etwas zu sagen haben, und die zweitens für das damals prognostizierte Programm von Bedeutung sind.

Mit Thomas D. Trummer ist es nun dem vierten Leiter des Hauses gelungen, den US-Amerikaner in der Tat für raumgreifende Arbeiten nach Bregenz zu holen. Niemand nimmt ihm das „Rauschebart“-Bonmot übel, verwies Trummer doch lediglich auf die Verehrung, die Weiner inzwischen zuteil wird und die auch dazu führte, dass sich für die heutige Eröffnung eine Reihe von renommierten Künstlern – etwa Matt Mullican, Pamela Rosenberg und Peter Kogler – angesagt haben, um Lawrence Weiner, dem mehrfachen Teilnehmer an der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig einfach wieder einmal zu begegnen.

Fragen stellen

In New York und Amsterdam lebend, ist Weiner nun endlich mit einer großen Werkgruppe in Österreich vertreten. Obwohl seine Schriftskulpturen in einigen Städten bzw. Metropolen im öffentlichen Raum so präsent sind, dass sie sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben, muss man sich in Bregenz schon ins Innere des Kunsthauses begeben, kann dort die Reihenfolge der Auseinandersetzung mit seinen Sätzen aber selbst bestimmen. Zwar nicht absolut zusammenhanglos von Stockwerk zu Stockwerk und unter „Naturlicht“ platziert, steht jedes einzelne, direkt an den Betonwänden angebrachte Zitat in erster Linie für sich. Ohne eine Metapher zu sein, wie man weiß, und ohne etwas mit Poesie zu tun zu haben, worauf Weiner dann doch verweist, um Fehlinterpretationen vorzubeugen. Weitere Vorgaben liefert Weiner nicht, nicht einmal dem Mal- oder Klebakt der in verschiedenen Farben und mit jeweiligen Konturen ausgeführten Großbuchstaben will er Bedeutung beimessen. Bekanntlich formulierte er in den 1960er-Jahren ja selbst, dass es völlig egal ist, wie und von wem ein Kunstwerk ausgeführt wird oder ob es überhaupt zur Ausführung kommt, entscheidend ist die künstlerische Idee. Und die Fragen, die er damit aufwirft. „Es ist, was es ist. Ein skulpturales Objekt, das man an den Wänden oder auf dem Boden oder wo auch immer präsentieren kann.“ Entsprechenden Gewinn daraus zu ziehen, ist das, was er dem Betrachter auferlegt. Das allerdings ist nicht schwer.

Nach einem Interview, das Weiner den VN im Vorfeld der US-Wahlen gab und in dem er entgegen den Prognosen befürchtete, dass ein Rassist zum Präsidenten gewählt wird, dem es zudem an politischer Substanz fehlt, lag ein Thema bei der Erstbesichtigung der Schau auf der Hand. Unruhen, die er voraussah, haben bereits begonnen: „Die Vereinigten Staaten sind gerade dabei, sich selbst zu zerstören“, hielt er nun fest.

Man mag die mit „Wherewithal/Was es braucht“ übertitelten Arbeiten auf die Situation beziehen, intendiert ist das nicht: „Meine Arbeit soll Gefahr evozieren? Was für eine altmodische Idee. Alles ist gefährlich heute.“ Das Bild eines Geysirs, etwas, das unter Druck an die Oberfläche kommt, habe ihn jedoch bei der Konzeption der Schau beschäftigt. „Built up with stones fallen down from the sky/Aufgebaut mit vom Himmel gefallenen Steinen“ ist da etwa als eines der Wandbilder zu lesen, die meist zweifarbig so gestaltet sind, dass der englische Satz in die jeweilige Landessprache übersetzt wird. Dem Material Stein, das trägt, das aber auch porös oder erdrückend sein kann, ist Bedeutung zuzumessen, wenn es weiters etwa heißt: „Drawn out from the stone/Aus einem Stein heraus“ oder „Masses of stone closing off the light of the day/Steinmassen die das Tageslicht abschotten“. Einmal ist es dann das „Nachtlicht“. Damit sind weiterführende Fragen übermittelt, betont etwa durch „Die Brocken obenauf zerrissen und gespalten.“ Mit Bob Dylan erhält ein Musiker heuer den Literaturnobelpreis, sollte es ein bildender Künstler sein können, wäre Weiner zu nennen.

Die Ausstellung wird im Kunsthaus Bregenz am 11. November, 19 Uhr, eröffnet und ist bis 15. Jänner zu sehen: www.kunsthaus-bregenz.at

<p class="caption">1942 in New York geboren, zählt Lawrence Weiner zu den bekanntesten Künstlern weltweit und zu den Begründern der Konzeptkunst.</p>

1942 in New York geboren, zählt Lawrence Weiner zu den bekanntesten Künstlern weltweit und zu den Begründern der Konzeptkunst.

Die USA sind gerade dabei, sich selbst zu zerstören.

LAWRENCE WEINER
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