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VN-INTERVIEW. Konzeptkunstlegende Lawrence Weiner (74) ist im Kunsthaus Bregenz

Platz schaffen, wo man denken kann

von Ariane Grabher
Lawrence Weiner mit seiner Frau Alice vor einer seiner Arbeiten im Kunsthaus Bregenz. Foto: Sagmeister

Lawrence Weiner mit seiner Frau Alice vor einer seiner Arbeiten im Kunsthaus Bregenz. Foto: Sagmeister

„Wir haben Kunst gemacht, um eine Welt zu schaffen, die für die Menschen würdig ist.“

BREGENZ. Lawrence Weiner ist für seine grafisch klaren Textarbeiten und seine poetischen Textbilder bekannt und gilt als eine Gründerfigur der Konzeptkunst. Im Kunsthaus Bregenz beschränkt sich der Künstler auf das Innere und arbeitet nur scheinbar ortsbezogen.

Sie waren vor fast genau 20 Jahren schon einmal hier im Kunsthaus mit einer Arbeit vertreten. Was ist seither in der Welt und in Ihrer Kunst passiert?

Weiner: In der Welt ist viel passiert, die Welt hört nicht auf, sich zu verändern. Aktuell sind die Vereinigten Staaten gerade dabei, sich selbst zu zerstören. Die Welt kollabiert. Was meine Arbeit betrifft, so hat sich mein Werk weiterentwickelt. Natürlich hat sich auch meine Kunst verändert, das hoffe ich doch zumindest. Wir lernen ja jeden Tag Dinge dazu, und mit diesem Lernen verändern wir uns, und das, was wir tun, verändert sich dadurch auch.

Sie sagen, dass die Welt kollabiert …

Weiner: Das hat aber nichts mit meiner Kunst zu tun …

Kann die Kunst die Welt retten?

Weiner: Die Kunst zeigt eine andere Logik auf, sie hilft uns, einen Platz in der Welt zu finden. Die Leute kommen mit ihren Bedürfnissen und Wünschen und lernen, sich und die Welt zu verstehen. Aber die Kunst ist nicht dazu da, Antworten zu geben. Das ist wieder etwas anderes.

Aber die Kunst stellt doch Fragen …?

Weiner: Das ist eine gute Frage. Ja, Kunst muss Fragen stellen. Es geht darum, eine Logik zu entwickeln, die es erlaubt, fähig zu sein, Dinge zu sehen, ohne dass man sie wirklich weiß. Es gibt keinen Grund, dass Kunst die Antworten geben müsste, es ist viel besser, die Fragen stehen zu lassen.

Sie sprechen immer wieder von Material. Am Anfang haben Sie nur mit Gedanken gearbeitet, ohne die Ideen zu materialisieren.

Weiner: Das stimmt so nicht ganz, mein Tun war immer mit Material verbunden. Jede Arbeit bezieht sich auf ein Material, ein „Objekt“ war vorhanden, aber es gab nichts, womit man sich hätte auf die Straße stellen können und es verkaufen.

Sie arbeiten häufig auch im öffentlichen Raum. Hätte sich das für Bregenz nicht auch angeboten?

Weiner: Es war meine Entscheidung. Es wurde mir zwar angeboten, aber ich war der Meinung, dass das Haus für sich völlig ausreichend ist.

Sie wollten also nicht hinaus, in den öffentlichen Raum?

Weiner: Dieses Haus, das Gebäude, ist öffentlicher Raum. Die Leute müssen einfach hineingehen und sich das anschauen.

In den Texten in der Ausstellung ist von Stein, Licht und Architektur die Rede. Ist Ihre Arbeit für das Kunsthaus ortsspezifisch?

Weiner: Ich glaube nicht an ortsspezifische Arbeiten. Ich glaube, dass man von einem Ort lernen kann, aber ich glaube auch, dass in gewisser Weise alle Orte gleich sind, wenn man eine Arbeit realisieren will. An jedem Ort gibt es Wände, Böden und eine Decke. Aber das hier ist ein wundervoller Ort, es ist also in gewisser Weise schon ein „Bregenz-Werk“. Die Ausstellung ist auch nur die Ausstellung. Das Werk ist, was es ist. Es hat nichts mit mir, mit meiner Person, zu tun. Ich möchte einfach, dass sich die Leute die Arbeiten anschauen, ohne jede Assoziation mit mir. Wenn die Menschen in Bregenz nicht wissen, wer ich bin, nichts von mir wissen – perfekt, damit kann ich sehr gut leben. Und die Menschen auch, denke ich.

Wenn wir zurückgehen zu Ihren künstlerischen Anfängen in den 1960er-Jahren …

Weiner: Wieso sollte ich zurückgehen wollen? Ich habe geglaubt, dass Kunst in der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt, Diskussionen anregt. Stattdessen wurde es, was es heute ist, etwas auf dem Weg zum Einkaufen für die Leute aus der Vorstadt, etwas, das man haben muss, eine Ware. Wenn Sie mich vorhin gefragt haben, was sich verändert hat: Wir haben damals mit dem Vorsatz begonnen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, um dann festzustellen, dass es nur möglich ist Plätze zu schaffen, an denen die Leute diskutieren können, aber dass es nicht möglich ist, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Ich möchte das eigentlich immer noch nicht glauben, vielleicht versuche ich es morgen wieder, aber heute fühle ich mich nicht danach … Alles was ich tun kann, ist einen Platz zu schaffen, wo man hingehen und (nach)denken kann, ohne dass man Angst haben muss, bestimmte Dinge nicht denken zu dürfen, oder sich Gedanken zu machen, was Onkel, Tante, der Mann, die Frau, die Schwester oder wer auch immer, denken werden. Wir haben unser ganzes Leben damit verbracht, für die Rechte der Menschen zu kämpfen und für ihre Würde. Wir haben Kunst gemacht, um eine Welt zu schaffen, die für die Menschen würdig ist, aber es sieht nicht aus, als würde es global funktionieren mit den verschiedenen kulturellen Zugehörigkeiten, die immer noch stärker und stärker werden …

Ihr Kommentar zu den Wahlen in den USA in dieser Woche?

Weiner: Tic-Tac-Toe spielen und das Beste hoffen. Nein, ernsthaft: Ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Im Augenblick fühle ich mich nicht befähigt, überhaupt etwas zu machen, aber man wird damit umgehen müssen.

Sie haben entgegen den Prognosen der Analysten den Ausgang der Wahl prophezeit …

Weiner: Das beweist nur, dass recht zu haben nicht das Entscheidende ist. Ich weiß auch nicht wieso, aber ich habe plötzlich realisiert, dass Donald Trump gewinnen wird. Die Analysten haben nicht verstanden, wie viel Neid und Hass in diesen ökonomischen Verhältnissen, die wir haben, stecken. Menschen wachsen damit auf, andere Menschen, die sie nicht kennen und nie getroffen haben, zu hassen. Aber fragen Sie mich nicht, ich bin nur ein Künstler.

Die Ausstellung mit Arbeiten von Lawrence Weiner ist im Kunsthaus Bregenz bis 15. Jänner zu sehen.

Zur Person

Lawrence Weiner

Mitbegründer der Konzeptkunst

Geboren: 10. Februar 1942 in New York

Ausstellungen: in zahlreichen großen Museen und Kunsthallen in Europa, den USA etc. Mehrmals Teilnehmer an der documenta in Kassel und der Biennale in Venedig, Arbeiten im öffentlichen Raum, u. a. in Wien

Preise: u. a. Roswitha Haftmann Preis, Ehrendoktorat der City University in New York etc.

Wohnort: New York und Amsterdam

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