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An den Bühnen der Region. Neuinszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Oper Zürich

Ist sie treu oder ist sie es nicht?

Schauspielerisch fordert diese Inszenierung den Sängern viel ab. (im Bild Olga Peretyatko). Foto: Oper/Dorendorf

Schauspielerisch fordert diese Inszenierung den Sängern viel ab. (im Bild Olga Peretyatko). Foto: Oper/Dorendorf

David Hermann geht dem Risiko plakativer Verkürzungen aus dem Weg und steigt ins Seeleninnere.

Zürich. (tb) Christlich-abendländische und islamisch-orientalische Kultur aufeinanderprallen zu lassen, wäre naheliegend. Immerhin handelt das Libretto davon, wie der Spanier Belmonte sich in einen türkischen Harem mogelt, um seine dort gefangen gehaltene Verlobte Konstanze, deren Zofe Blonde und den Diener Pedrillo zu befreien. Aber: Hätte Mozarts „Entführung aus dem Serail“ hierzu wirklich eine passende Vorlage geboten?

Regisseur David Hermann lässt seine Geschichte, die mit einer Eifersuchtsszene beginnt und deren Schauplatz per Drehbühne zwischen einem Restaurant und einem luxuriösen Schlafzimmer wechselt, nicht gut enden. Denn Bassa Selim ist hier kein Palastherrscher mehr, der großmütig verzeiht, sondern eine Wahnfigur von Belmonte, gewissermaßen die Inkarnation seiner krankhaften Eifersucht. Also deutet Hermann den Schlusschor „Bassa Selim lebe lange“ zur Vorhersage um, Belmonte werde sich weiterhin in der Spirale seiner Ängste drehen.

Und Pedrillo und Blonde, das „niedere Paar“? Hermann weist auch ihnen eine neue Rolle zu, indem er sie als Verdoppelung, Spiegelung, Alter Ego von Belmonte beziehungsweise Konstanze agieren lässt. Und erstaunlich, wie willig Originallibretto und Musik diese Setzung mittragen, wenn der Regisseur, unter Einsatz des hier zum Oberkellner mutierten Osmin und von Bassa Selim, weitere Facetten der Paarbeziehung durchexerziert!

Vieles mehr noch steckt in dieser eigenwillig-raffinierten „Entführung“, die auf gesprochene Dialoge fast ganz verzichtet, dafür atmosphärisch bedrohliche Sound-Collagen nutzt und das Thema vom Clash der Kulturen sogar auch noch intoniert. Das Problem: Das Unternehmen wirkt halt doch ertüftelt. So, dass man sich fragt, weshalb nicht gleich ein neues Stück gespielt wird.

Eine Entdeckung

Und musikalisch? Eine kleine Entdeckung ist Maxim Emelyanychev, der für den erkrankten Teodor Currentzis eingesprungen ist: Emelyanychev dirigiert mit federnder rhythmischer Verve, lässt das flüssig aufspielende Originalklangensemble Orchestra La Scintilla überzeugend phrasieren und pikante Farben ausstellen. Nicht ganz überall perfekt klappt es mit der Koordination zwischen Graben und Bühne.

Schauspielerisch fordert diese Inszenierung viel ab von den Darstellern, die in dieser Hinsicht Staunenswertes leisten. Gesungen wird gut, aber nicht so, dass man darob ins Stammeln geraten müsste. Immerhin gestaltet Pavol Breslik die Partie des Belmonte mit einigem tenoralen Schmelz, vermag Olga Peretyatko als Konstanze aus einem substanzreichen Sopran zu schöpfen und singt Claire de Sévigné als „Blonde“ mit agiler Stimme. An sich vollbringt Michael Laurenz in der Rolle des „Pedrillo“ eine erstaunliche Leistung, aber es scheint, dass ihn die Vorgaben der Regie in einen fallweise etwas exaltiert-überlauten Gesang gedrückt haben. Das Lob für Nahuel Di Pierros Debüt als Osmin ist dahingehend einzuschränken, dass manchmal noch ein Rest an vokaler und buffonesker Durchschlagskraft fehlt. Sam Louwyck gibt einen bühnenpräsenten Bassa Selim. Der Chor überzeugt auch darstellerisch.

Nächste Aufführung am
20. November und zahlreiche weitere: www.opernhaus.ch

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