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VN-Autorenbeitrag. Der Bregenzer Maximilian Lang (30) hat ein weiteres Theaterstück verfasst

Ruhig, seelenruhig, wie ein Fischer

Ein ehemaliger Schulkollege rief mich überraschend an. Er fragte, ob ich ihn besuchen komme, er liege im Spital. Ich könne vorbeischauen, wann immer ich Lust hätte, sagte er, und wir vereinbarten einen Zeitpunkt. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg zu ihm.

Ich hatte ihn seit der Schulzeit nicht mehr gesehen. Wir waren in verschiedene Klassen gegangen. Ich hatte ihn damals oft durch die Gänge streichen sehen, allein. Manchmal hatte ich ihm dabei Gesellschaft geleistet. Wir hatten uns gut verstanden, auch wenn wir nicht viel gesprochen hatten.

Es war halb fünf Uhr im Winter. Im Dunkeln schaute das Spital wie eine große Burg aus. Auf der Rasenfläche neben dem Haupteingang sah ich meinen ehemaligen Schulkollegen auf und ab schreiten und eine Zigarette rauchen.

„Ich werd dich gleich bewirten“, sagte er. „Ich werde dein Wirt sein. Es gibt was zu essen, ich hoffe, du hast Hunger.“ Wir gingen ein Stück. Auf dem Rasen standen vereinzelt Schaukeln und Wippen herum, wie auf einem Spielplatz. Aber das Gras war sehr hoch, und die Geräte schauten alt und verwaist aus. Ich war sicher, dass auch im Sommer niemand dort spielte.

Er drückte die Zigarette aus und wir betraten das Gebäude. Wir fuhren in den obersten Stock. Wir kamen an vielen Zimmern vorbei, in denen Ärzte und Pfleger an den Betten arbeiteten.

Vor der Türe meines Bekannten lehnte ein alter Mann an der Wand. Sein Kopf war in die Kapuze seines Morgenmantels gehüllt, über seinem Gesicht lag ein Schatten. Als wir näher kamen, begann er plötzlich zu schreien. Er stieß schrille, kurze Schreie aus und verzog den Mund dabei. Ich sah mich nach dem Personal um, doch mein Bekannter sagte, er mache nur Spaß. Keine Sorge, meinte er, und zog mich in sein Zimmer hinein. „Jeden Abend führt er solche Späße auf. Er ist nicht verrückt.“ Er vertreibe nur den anderen ein wenig die Zeit. Er ärgere das Personal und die Besucher.

Mein Bekannter sah traurig aus. Er trug eine schwarze Jacke, schwarze Schuhe, schwarze Hosen, ein schwarzes Hemd. Er wirkte überhaupt nicht wie ein Patient. Ich erinnerte mich, dass er schon in der Schule immer sehr elegant gekleidet war und meistens Schwarz trug.

Er bot mir jetzt ein Bett an. Es sei frei, sagte er, es sei für mich. Ich solle neben ihm Platz nehmen.

Ich fragte ihn, ob es ihm hier gut gehe. Er meinte, es sei in Ordnung. Er sei schon länger hier, er werde mit allem versorgt. Er sah mich an, seine Augen waren ruhig und offen, und sie schienen auf etwas zu warten, während wir sprachen.

Zuerst kam die Krankenschwester herein. Sie stellte einen Wagen mit zwei Tabletts zwischen unsere Betten. Sie hob die silbernen Deckel von den Tellern, und darunter dampften das Fleisch und der Reis. Es schmeckte sehr gut, und ich sagte, dass das Essen hervorragend sei. Mein Bekannter stimmte mir zu, doch er aß mit wenig Appetit, wie ich sah.

Nach dem Essen kam eine andere Krankenschwester herein. Mein Bekannter zog seinen Pullover und sein Unterhemd aus. Darunter kam ein Verband mit roten Flecken zum Vorschein, den die Schwester wechselte. Dann trug sie das blutige Tuch an mir vorbei aus dem Zimmer. Anschließend räumte sie das Geschirr weg. Mein Bekannter streckte sich jetzt aus. Er kannte die Abläufe. Er schaute zur Tür, wo er jemanden erwartete.

Ich wollte ihn jetzt nach seiner Gesundheit fragen, ich wollte wissen, was passiert war. Hatte er sich verletzt? „Was ist los mit dir?“, hätte ich ihn gerne gefragt – doch als ich mich aufrichtete, kam ein Arzt herein. Er stellte sich vor dem Bett meines Bekannten auf und sprach ein paar Worte. Er hob langsam die Arme. Sein Mund ging regelmäßig auf und zu. Mein Bekannter hatte die Augen geschlossen.

Der Arzt hielt eine kleine Schale in der Hand. Als er fertig geredet hatte, legte er sie auf den Nachttisch. Dann verließ er das Zimmer.

Mein Bekannter blickte zu dem Gefäß, in dem Tabletten lagen. Er sagte, er überlege oft, die Medikamente nicht zu nehmen. Wozu, fragte er. Aber bei ihrem Anblick werde er dann jedes Mal schwach.

Er nahm die Tabletten und schluckte sie hinunter. Er atmete durch. Er sagte, die Medizin verlängere sein Leben um eine Woche. Solange der Arzt ihm die Tabletten bringe, könne er nicht sterben.

Wir schwiegen eine Weile. Ich blickte zu ihm hinüber. Mein alter Schulkollege sah vornehm aus, wie früher. Ich überlegte, ob ich ihn jetzt fragen sollte, was mit seinem Körper nicht in Ordnung sei. Aber ich dachte an den blutigen Verband und an die Schale mit den Tabletten. Ich sagte mir, dass er mir schon alles erzählen würde, wenn es für ihn passt.

 

Plötzlich richtete er sich auf. Er griff in die Schublade neben seinem Bett. Er habe etwas für mich, sagte er, und dann reichte er mir eine kleine Schachtel. Während ich den Deckel hob, blickte er mich neugierig an. In der Schachtel lag ein kleines Messer. Es war neu und es musste sehr teuer gewesen sein. „Danke“, sagte ich, „wofür?“ „Du kannst es besser brauchen als ich“, sagte er schnell und blickte mir in die Augen. Ich bedankte mich nochmals und steckte die Schachtel in meine Jackentasche.

Er ließ sich ins Kissen fallen. Seine Züge entspannten sich, aber er wirkte geschlagen. Er sagte, dass ich bestimmt bald gehen müsse, wegen meiner Abreise. Das sei kein Problem, sagte er, es sei bestimmt ein anstrengender Tag für mich gewesen.

Ich erhob mich. Er hoffe, es sei mir nicht unangenehm gewesen, hierher zu kommen. „Hier schauen nicht so viele Leute vorbei, und ich dachte, ich ruf dich einfach an.“ Ich sagte, ich hätte mich gefreut. Man habe sich viele Jahre nicht gesehen. Schließlich kenne man sich schon sehr lange.

Er begleitete mich dann noch zur Tür. Der alte Kranke mit der Kapuze war verschwunden. Ich dachte, dass er irgendwo auf dem Gang umher schwirrte. „Bis dann“, sagte mein Bekannter leise, und ich verließ ihn.

In den Zimmern war es jetzt ruhig. Die Kranken saßen oder lagen in ihren Betten. Vom Personal war niemand zu sehen. Auch die Eingangshalle war leer. An der Information brannte nur ein gedämpftes Licht. Die Kaffee-Automaten surrten.

Beim Ausgang lehnte der alte Kranke an der Wand. Ich kam näher. Er sah mich herausfordernd an. Er zischte. Er bewegte langsam die Lippen, aber ich hörte nichts. Ich duckte mich und eilte hinaus.

Vor dem Spital blieb ich stehen. Ich schaute mich um. Hinter dem Rasen mit den Spielgeräten entdeckte ich einen kleinen Teich, den ich vorher nicht gesehen hatte. Mein Bekannter musste ganz nah am Wasser gestanden sein, als er mich empfangen hatte. Ich sah zum Eingang. Der Kranke war verschwunden. Er streift jetzt wieder durch die Gänge, dachte ich, und muntert die Leute mit seinen Späßen auf.

Ich setzte mich auf eine Schaukel. Nach und nach würden die Lichter im Spital ausgehen. Es gab hier fixe Zeiten. Es gab Besuchszeiten und Essenszeiten, es gab die Ausgehzeiten und die Schlafenszeiten. Ich nahm das Messer aus der Tasche. Ich drehte es in der Hand, und ich dachte daran, wie mein Bekannter und ich die langen Gänge in der Schule auf und ab spaziert waren, an den Klassenzimmern vorbei, oft bis nach dem Läuten der Glocke. Mein Bekannter hatte sich immer ein wenig geduckt, wenn jemand vorbei- gekommen war. Wenn ich ihn nach seiner Klasse fragte, hob er nur die Schultern und ließ sie wieder fallen.

Eines Tages hatte ich entdeckt, dass seine Unterarme verletzt waren. Wenn seine Ärmel hinaufrutschten, sah man die Wunden. Nach und nach verstand ich, dass er sie sich selbst zufügte. Er machte kleine Schnitte mit dem Messer. Manchmal waren die Wunden noch frisch, dann waren sie rot. Ältere, verheilte Wunden bestanden aus dünnen weißen Strichen. Ich sprach nie davon. Wenn er meinen Blick bemerkte, lächelte er und schaute mich neugierig an.

Vielleicht käme der alte Kranke später nochmals in sein Zimmer, dachte ich. Ich glaubte, dass er es nicht lange in seinem eigenen Zimmer aushielte, so allein. Die beiden würden sich vielleicht noch ein wenig unterhalten. Sie würden leise reden, damit das Personal sie nicht hörte. Sie würden möglicherweise auch über mich reden. Vielleicht kämen sie zu dem Schluss, dass ich versagt hatte. Vielleicht stimmte das auch.

Ich setzte mich ins Gras und schaute über den kleinen Teich. Hier hatte er vorhin gestanden und auf mich gewartet. Ruhig, seelenruhig, wie ein Fischer. Er hatte mich empfangen, und dann hatte er mich hinaufbegleitet, in den obersten Stock seiner Residenz. Wie ein König, dachte ich jetzt, der seinen Gast in die Burg führt.

Das Werk „The Parzival Company“ wird am 24. November im Theater Kosmos in Bregenz uraufgeführt.

Zur Person

Max Lang

Geboren: 1986 in Bregenz

Ausbildung: Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien

Tätigkeit: Schriftsteller

Werke: „Herbst und Winter“, uraufgeführt 2006 im Theater Kosmos, „Das Reich der Mitte“, „Die Sprache der Enkel“ Kurzprosa etc.

Auszeichnungen: Dramatikerstipendium der Stadt Wien

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