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So präsent wie notwendig

von Christa Dietrich
„Immersion“, die neue Produktion des Aktionstheater Ensemble unter Martin Gruber, wurde gestern Abend erstmals am Spielboden in Dornbirn aufgeführt.  Foto: VN/Hartinger

„Immersion“, die neue Produktion des Aktionstheater Ensemble unter Martin Gruber, wurde gestern Abend erstmals am Spielboden in Dornbirn aufgeführt.  Foto: VN/Hartinger

Preisgekröntes Aktionstheater zeigt sich mit „Wir verschwinden“ in Topform.

Dornbirn. Koketterie hat das Aktionstheater Ensemble von Martin Gruber noch nie betrieben, und vor derlei banalen Ausrutschern schützt sich die um ein Kernteam wechselnd besetzte Truppe schon deshalb, weil hier nicht die branchenüblichen Strukturen herrschen. Der Name ist Programm, was das Ensemble auf die Bühne bringt, hat es gemeinsam erarbeitet. Ein Wortspiel sei erlaubt, angesichts des neuen Stückes mit Titel „Immersion. Wir verschwinden“, dessen Vorarlberg-Premiere nun nach der Uraufführung vor wenigen Wochen im Rahmen des Open-Mind-Festivals in Salzburg am gestrigen Abend am ausverkauften Dornbirner Spielboden auf enorme Zustimmung stieß, kann von Verschwinden wohl nicht die Rede sein. Die Präsenz ist in mehrerer Hinsicht (auch bezüglich der schauspielerischen und gesanglichen Leistungen) gegeben, und notwendig ist sie sowieso. 

Ichbezogenheit

Immersion und Narzissmus sind nicht erst seit der Erfindung des Internets oder der stets geforderten Auseinandersetzung mit realen und virtuellen Räumen wichtige Begriffe geworden. Selbstdarstellung, Selbstüberschätzung oder Ichbezogenheit werden, so ist es zumindest wahrzunehmen, in der Öffentlichkeit bzw. in den Medien nun stärker diskutiert. Der hohe Wert der Selbstreflexion dürfte auf breitere Anerkennung stoßen. Diesbezüglich ist weitere Steigerung erwünscht.

Theater bietet sie grundsätzlich. Was Martin Gruber (neben Claudia Tondl hauptverantwortlich für die Textfassung) mit seinem Ensemble macht und was sich schon in den letzten Produktionen abzeichnete (unter anderem in der heuer mit dem Nestroy-Preis ausgezeichneten Produktion „Kein Stück über Syrien“), ist Theater im Theater, ein besonderes Spiel im Spiel. Michaela Bilgeri, Martin Hemmer und Andreas Jähnert spielen sich, unterstützt von den Musikern Sonja Romei und Kristian Musser quasi selbst. Alltagsvorkommnisse werden in die Theaterverhältnisse übertragen. Es mag eine gefährliche Gratwanderung sein, wenn das Gefühl des Zukurzgekommenseins auf mangelnde Rollenangebote übertragen wird, wenn beim Erzählen von einer Preisverleihung mit Hackordnung Eitelkeit und Verletzlichkeit durchblitzen. Das Zukurzkommen ist eine üble Sache, mitunter ist es wirklich einer Ungerechtigkeit geschuldet – auch das dringt durch –, mitunter ist es aber nur ein Kaschieren eigener Defizite. Die Enttäuschten sind leicht verführbar. Auch davon erzählen die Aktionstheaterleute, wenn es auf der exzellent mit kleinen Auftrittspodien ausgelegten Bühne von Sebastien Spielvogel scheinbar um ergatterte oder nicht ergatterte Rollen geht. Davon erzählen sie gut, sprechend, singend, einer Bewegungschoreografie folgend, die so weit geht, dass das penetrante Schlagergehabe, das Romei so exzellent überhöht, von den anderen übernommen wird. Nicht, um zu nerven, wie man es im Theater der 1990er-Jahre so vielfach erfahren hat, sondern um sanft überzuleiten, den Zuschauern neben hunderterlei Anspielungen auf die momentane politische und gesellschaftspolitische Situation, Bilder vorzuführen, die ihn einmal in Sicherheit wiegen, dann wieder irritieren.

Wenn es am Ende um die Komödie geht und viel gelacht wird, laufen Michaela Bilgeri echte Tränen über die Wangen während Martin Hemmer schluchzt. Wer spielt uns jetzt etwas vor? Fast wichtiger, als es zu wissen, ist es, sich diese Frage stellen zu dürfen.

Weitere Aufführungen am 1., 2. und 3. Dezember am Spielboden, danach im Werk X-Eldorado in Wien.

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