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Ein Fall, der sehr viele Fälle aufdeckt

von Christa Dietrich
Das Thema wird im Vorarlberg Museum in Bregenz eindrücklich mit Bild- und Tondokumenten sowie (Alltags)Objekten aus dem Nachlass aufgearbeitet. Foto: VN/Steurer

Das Thema wird im Vorarlberg Museum in Bregenz eindrücklich mit Bild- und Tondokumenten sowie (Alltags)Objekten aus dem Nachlass aufgearbeitet. Foto: VN/Steurer

Mit dem großen Max-Riccabona-Projekt wird von Akzeptanz und Ausgrenzung erzählt.

Bregenz. Als Vorarlberger Familiengeschichte kündigt der nun neben Nikolaus Hagen als Kurator tätige Historiker Peter Melichar ein Ausstellungsprojekt im Vorarlberg Museum an, das eine ungemeine Fülle von Themen behandelt, die mit dem Namen einer Persönlichkeit verknüpft sind, nämlich Max Riccabona, die gegenwärtig schaffenden Künstlern sowie dem rezipierenden Publikum sicher geläufig ist. Das Felder-Archiv und die Landesbibliothek sowie das frühere Landesmuseum haben weder die Behandlung und Veröffentlichung der Texte versäumt, noch das Präsentieren der Collagen.

Gottfried Bechtold nennt den Maler, Autor und Rechtsanwalt (1915-1997) selbst ein „Gesamtkunstwerk“, der Bildhauer und Konzeptkünstler hat sich oft mit ihm ausgetauscht, eines seiner Werke nach ihm betitelt. Älteren Teilhabern am Vorarlberger Kulturleben sind Gespräche zwischen der Schriftstellerin und Literaturvermittlerin Ulrike Längle und Max Riccabona gut in Erinnerung. In der heute Abend zu eröffnenden Ausstellung „Der Fall Riccabona“ schildert sie Begegnungen, spricht von gesundheitlichen Folgen der KZ-Haft, von denen sich der Künstler und Verfasser der „Tragikomödie des x-fachen Dr. von Halbgreyffer oder Protokolle einer progressivsten Halbbildungsinfektion“, der in den 1960er-Jahren seine Funktion als Rechtsanwalt niederlegte und teilentmündigt wurde, nie mehr ganz erholte. 

Fast am Ende eines Ausstellungsrundgangs treten Längle und Bechtold in einem Videodokument auf, an einem Punkt also, an dem man – konfrontiert mit der gesamten Familiengeschichte, mit dem Schicksal von Eltern und Großeltern – fragt, warum sich das Land bzw. die großen Kulturinstitutionen das Aufblättern dieser Kapitel der Geschichte nicht längst leisteten. Spät zwar, präsentiert das Vorarlberg Museum nun nicht nur eine inhaltlich und gestalterisch exzellent aufbereitete Schau, die Kompetenz der dafür Verantwortlichen wird durch die zeitgleiche Herausgabe eines Buches (Verlag Böhlau) und ein umfangreiches Rahmenprogramm unterstrichen.

Zwei Familien

Die Eltern von Max Riccabona kamen aus Südtirol und Böhmen. Zwei Familien ließen sich im 19. Jahrhundert in Feldkirch nieder, integrierten sich rasch, waren akzeptiert. Die jüdische, zum Katholizismus konvertierte Familie Perlhefter, aus der Anna Riccabona stammte, gründete eine Textilwarengroßhandlung, Gottfried Riccabona war Präsident der Vorarlberger Rechtsantwaltskammer und, was erstmals auch näher betrachtet wird, Deutschnationaler. Mit wandgroß aufgezogenen Fotos vermittelt Gestalter Roland Stecher den Besuchern eine bürgerliche Atmosphäre, in der Kunst und Diskurs einen Platz haben. Man förderte die Maler, kaufte etwa Werke von Rudolf Wacker.

Ausgrenzung, Auslöschung

Keinesfalls überinszeniert wird das Hereinbrechen einer Politik, die zu Ausgrenzung und später Auslöschung führt. Abgesehen von der Komplexität des Falles, der sich daraus ergibt, dass der Vater weltanschaulich dem rechten Lager zuzuordnen ist, hat die im faschistischen Vokabular erfolgte Degradierung der Kinder Max und Dora zu „Mischlingen“ grausame Auswirkungen. Was folgt, sind Enteignung, Zwangsräumung der Wohnung, Max Riccabona wird festgenommen und ohne dass es zu einem Prozess oder einer Verurteilung gekommen wäre, im Jahr 1942 im KZ Dachau inhaftiert. In einem Redemanuskript nach der Befreiung 1945 über die Verbrechen in den Konzentrationslagern vermerkt er, dass alles, was behauptet wurde, „der Wirklichkeit entspricht“, das dies aber in manchen Dingen „von dem satanischen Sadismus der nazistischen Henkersknechte“ nur ein schwaches Bild gäbe. „Es waren Deutsche, die in Sadismus, Grausamkeit und Gemeinheit die unbestrittene Rekordleistung menschlichen Tiefstandes erreicht haben.“ Wie schon Forschungen des Historikers Werner Dreier zu entnehmen war, wurde Riccabona dem KZ-Arzt Sigmund Rascher zugeteilt, der grausame Menschenversuche unternommen hatte. Dazu zählten Unterkühlungs- und Druckforschungen oder das Sezieren von noch lebenden Personen.

Wie viele der von Max Riccabona später erwähnten Begegnungen mit Schriftstellern und Künstlern – etwa mit Joseph Roth – seiner Fabulierlust geschuldet sind, lässt sich inzwischen nachlesen. James Joyce dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dabei gewesen sein und auch der Adelstitel war Spielerei. Auch an verschiedenen Hörstationen mag sich der Besucher damit ebenso auseinandersetzen wie mit den Texten des Autors. Vor allem aber lässt die Schau Geschichte des 20. Jahrhunderts nachvollziehen, beispielhaft europäische Geschichte betreffend, mit Verästelungen in die Region führend, erschütternd und äußerst aufschlussreich.

Die Ausstellung wird am
2. Dezember, 17 Uhr, im Vorarlberg Museum in Bregenz eröffnet und ist bis 17. April 2017 zu sehen.

Es gibt in manchem vom Sadismus der nazistischen Henkersknechte nur ein schwaches Bild.

nach Max Riccabona
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