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Gedanken zum Sonntag

Loslassen – nicht das richtige Wort

Für manche ist es eine lästige Pflichtübung, für andere ein tiefes Bedürfnis, in diesen Tagen um Allerheiligen (und auch sonst) auf das Grab der Angehörigen zu gehen.

Ein Gedicht von Mascha Kaleko lautet: „Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
. . . Der weiß es wohl, dem Gleiches wiederfuhr, und die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben!“ Und das ist oft sehr, sehr schwer. Und nicht nur Menschen können einem sterben, auch Beziehungen und wichtige Lebensbereiche. Das tut weh und macht uns traurig. Trauer ist der Wundschmerz der Seele.

Der Weg der Trauer

Man spricht oft von der Trauerarbeit. Dieser Begriff ist eigentlich falsch. Die Trauer kann man nicht abarbeiten, und dann ist sie erledigt. Man kann nur mühsam, oft unter Tränen, lernen, mit der Lücke zu leben, die ein Mensch hinterlassen hat. „Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll es auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten!“, schreibt Dietrich Bonhoeffer. Man bleibt gerade durch die Lücke miteinander verbunden, über den Tod hinaus. Auch Gott füllt sie nicht aus, im Gegenteil, in der Zeit der Trauer scheint er uns manchmal sehr fern. Der Verlust macht uns einsam und muss ganz persönlich durchlitten werden. Man kann höchstens die Trostlichter der Erinnerungen und der Hoffnung auf ein Wiedersehen anzünden.

Du musst einfach loslassen,

wird den Trauernden oft gesagt. Dieser Satz tut weh. Es ist unmöglich, das, was gewesen ist, aus dem Webstück des gemeinsamen Lebens herauszuschneiden. Wir sollen es bewahren! Natürlich wissen wir, dass wir uns im Lauf der Zeit von manchem trennen müssen, aber das Schöne sollen wir im Herzen bewahren. Das Negative dürfen wir uns auch zugeben. Es sind die dunklen Streifen im gewobenen Teppich unserer Geschichte. Immer mehr wachsen die Verstorbenen in uns hinein, ganz tief innen, und wir sind auf neue Weise mit ihnen verbunden. Es ist, als ob es für uns einen Raum der Trauer und einen Raum des Lebens und der Freude gäbe. Manchmal zieht es uns in die Trauer hinein, lesen wir Briefe von früher, schauen Fotos von „damals“ und andere Erinnerungsstücke an, und dann fließen die Tränen. Aber wir wissen, dass wir wieder „hinaus“ müssen in den Alltag mit den nötigen Abläufen. Oft „funktionieren“ wir nur. Es braucht Zeit und Geduld, bis wir das Chaos der Gefühle ein bisschen besser bewältigen oder damit umgehen können.

Der Raum der Gespräche,
der Rituale, des Alleinseins

Wenn es einem schlecht geht, ist man froh um Gespräche, aber nur mit bestimmten Menschen, die zuhören können und keine Ratschläge erteilen. Oft sage ich Trauernden, sie sollen nur die Menschen an sich „heranlassen“, die ihnen wohltun. Bei den anderen darf man ruhig abblocken oder sich verweigern. Wir entwickeln in dieser Phase auch persönliche Rituale. Sie sind wie ein Geländer, an dem man sich halten kann: Friedhofsbesuche, eine Kerze anzünden, Spaziergänge an frühere Lieblingssorte, das Streicheln eines Fotos …Und oft möchte man einfach für sich allein sein und bleiben. Viele sagen, sie könnten in der Trauer auch nicht mehr beten. Man darf ruhig mit Gott hadern oder schimpfen, oder auf jemanden zornig sein. Eine Frau schrieb mir: „Morgen jährt sich der Todestag von ihm. Ein Jahr in Einsamkeit, aber nicht des Alleinseins. Manchmal glaube ich, wieder etwas Boden unter den Füßen gewonnen zu haben, doch dann merke ich, dass ich auf Treibsand stehe und es mich wieder hinabzieht auf den Grund meiner Trauer. Ich möchte dieses Erleben nicht verdrängen, denn das Gefühl des Schmerzes nicht mehr zu spüren, wäre wohl ein Stück Vergessen, und vergessen möchte ich nicht.“

Danach?

Erst im Nachhinein kann man sagen: Der Tod ist ein Ende, die Trauer der Anfang eines anderen Lebens, das man Schritt für Schritt erwandern muss. Und unsere Verstorbenen? Wir glauben als Christen, dass wir im Tode einem Gott begegnen, der uns mit offenen Armen erwartet. Alle Täuschungen, alle Begrenztheit fällt ab. Wir werden uns selbst glasklar erkennen, vielleicht auch mit einem reinigenden Schmerz, aber die Liebe, in deren Strom wir eintauchen, wird alles umfangen. Für uns ist es gut, mit den Toten im Gespräch zu bleiben.

Elmar Simma, Vikar

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