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Gedanken zum ersten Advent

Advent, Advent . . .

Jetzt haben sie ihr Werk vollbracht. In Bastelrunden wurden Adventkränze gebunden und geschmückt unter fachkundiger Anleitung von Floristinnen, und manchmal auch unter Assistenz des zuständigen Pfarrers. Nun ist alles bereit für die erste Kerze: „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt . . .“, so heißt es im Kinderreim.

Wer weiß schon, dass der Adventkranz heute seinen 177. Geburtstag feiert? Der erste Adventkranz war noch ziemlich groß, ein Wagenrad einer alten Kutsche, darauf standen vier mächtige weiße Wachskerzen und dazu noch etliche kleine rote. Er hing im „Rauhen Haus“ in Hamburg und erfunden hat ihn Johann Hinrich Wichern.

Wichern lernt schon in seiner Jugend die Not kennen. Der Vater stirbt, als dieser 16 ist.

Als Ältester von sieben Geschwistern ist er nun verantwortlich für die Familie. Er lässt sich zum Lehrer ausbilden und studiert Theologie. Ihm sind die Arbeiter- und Straßenkinder in den Elendsvierteln Hamburgs ein besonderes Anliegen. Von der Stadt wird ihm für seine Sozialarbeit ein altes Bauernhaus mit dem bezeichnenden Namen „Rauhes Haus“ zur Verfügung gestellt. Dort zieht er mit seiner Mutter und zwei von seinen Schwestern ein. Er nimmt zunächst einige heimatlose Kinder ins Haus auf und gibt ihnen eine neue Heimat. Viele Eltern der verwahrlosten Kinder sind arbeitslos, kriminell oder alkoholkrank. Nun können die Kinder in einer richtigen Familie leben. Nach und nach entsteht um das Bauernhaus herum eine ganze Siedlung. Werkstätten werden gebaut, eine Tischlerei, ein Schusterei, eine Buchbinderei und eine Landwirtschaft. Die Jugendlichen bekommen die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Das „Rauhe Haus“ wird zum Vorläufer der Diakonie, dem Sozialwerk der evangelischen Kirche.

Wann ist Weihnachten?

Mitten im „Kinderdorf“ steht der Betsaal. Dort versammeln sich jeden Abend die Kinder und Jugendlichen mit ihren Betreuungspersonen. Es wird gesungen und gebetet, es werden Geschichten aus der Bibel erzählt. In der Adventzeit fragen die Kinder immer: Wann ist endlich Weihnachten? Da kommt dem fantasiebegabten Pädagogen die Idee mit dem Holzrad. An jedem Abend soll eines der Kinder eine Kerze am Kranz anzünden, an jedem Tag eine mehr. Und jeden Tag wird es heller und wärmer um den Kranz bis zum Tag, an dem die Geburt Jesu gefeiert wird. Er ist das Licht der Welt, das in die Dunkelheit kommt, um es zu erhellen. Und die Kinder können die Tage bis Weihnachten an den Kerzen abzählen.

Das Erziehungsziel Johann Hinrich Wicherns war es, aus verwahrlosten jungen Menschen, um die sich keiner kümmert, ohne Druck und Zwang selbstbewusste und freie Persönlichkeiten zu machen. Christliche Verkündigung und soziales Engagement stellten für ihn eine Einheit dar. Neben der Arbeit und dem Gebet waren ihm das gemeinsame Leben, Spiele und Feiern besonders wichtig.

Brauchtum und Prophetie

Erst später wurde der Kranz zusätzlich mit Tannengrün geschmückt. Der Brauch hat sich rasch verbreitet, zuerst in evangelischen Gemeinden Norddeutschlands, seit Ende des Ersten Weltkrieges langsam auch im Süden, in Österreich und in der Schweiz. 1925 hing in Köln zum ersten Mal ein Adventkranz in einer katholischen Kirche. Der Nationalsozialismus hat die Adventzeit „Vorweihnachten“ genannt und den Adventkranz „Sonnwendkranz“. Die vier Kerzen hießen „Wünschelichter“ und symbolisierten die Jahreszeiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die Adventkränze – in verkleinerter Form – auch in private Wohnstuben ein. Heute sind sie Bestandteil stimmungsvollen Brauchtums und man vergisst oft, dass Advent ursprünglich eine Zeit drängender Gottessehnsucht gewesen ist („Ach, dass du den Himmel zerrissest und kämest herab!“, Jesaja 64,1) und eine Zeit biblischer Prophezeiung („Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im Finstern Lande, scheint es hell“, Jesaja 9,1).

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.

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