Vorarlberg
20. September 2012

VN-Interview. Georg Sporschill SJ (66) zum Weltkindertag

Vom Luxus, gebraucht zu werden

von Thomas Matt
Der Feldkircher Jesuitenpater Georg Sporschill betreut derzeit Roma-Familien im Herzen Rumäniens. Vorarlberger Volontäre helfen ihm dabei. Foto: Zenker
Der Feldkircher Jesuitenpater Georg Sporschill betreut derzeit Roma-Familien im Herzen Rumäniens. Vorarlberger Volontäre helfen ihm dabei. Foto: Zenker

Nicht alle Kinder haben am Weltkindertag Grund zum Feiern. Bedürftig sind heute viele.

Schwarzach. (VN-tm) Er führt arme und reiche Jugendliche zusammen und sieht dann zu, wie sie aneinander wachsen. Pater Georg Sporschill betreibt in Rumänien eine Lebensschule der besonderen Art. Am Weltkindertag denkt er heute vor allem auch an jene, die in unserer Gesellschaft viel Verantwortung für Kinder tragen und wenig Dank ernten: an die Lehrer.

Österreich feiert heute den Weltkindertag. Was geht Ihnen bei diesem Stichwort durch den Kopf?

Georg Sporschill: Ich bin zurzeit in Rumänien. Meine Hauptaufgabe ist es, für arme Kinder zu sorgen. Ich kümmere mich um kinderreiche Familien aus dem Roma-Milieu, denen die einfachsten Grundlagen wie Hygiene und Ausbildung fehlen. Aber ich denke heute auch an eine zweite Gruppe: Bei uns arbeiten viele Volontäre – gerade sind zwei Jugendliche aus Vorarlberg gekommen. Das sind auch noch große Kinder. Sie kommen hierher, um den anderen Kindern zu helfen.

Da treffen zwei Welten aufeinander . . .

Georg Sporschill: Die könnten gegensätzlicher nicht sein. Die einen haben nicht das Nötigste zum Leben, die anderen haben zu viel, leben im Überfluss, verspüren aber eine große Sehnsucht. Je mehr der Mensch hat, umso weniger sieht er, was er hat. Der Überfluss macht blind. Und blind heißt unglücklich. Wenn ich nicht sehe, was ich habe, sehe ich nur noch, was ich noch mehr will. Wenn diese Wohlstandskinder plötzlich auf Armut stoßen, gehen ihnen die Augen auf, was sie alles besitzen. Sie werden wirklich dankbar. Dafür, dass sie ein Bett haben, in die Schule gehen, Eltern haben. Ich versuche, die Wohlstandskinder und die Straßenkinder irgendwie in Kontakt zu bringen. Man kann zuschauen, wie die einen stark werden. Die anderen sind es ja in gewisser Weise schon, weil sie den Überlebenskampf kennen. Mein Traum ist, dass arme und reiche Kinder sich gegenseitig beschenken.

Sind denn beide bedürftig?

Georg Sporschill: Manchmal frag’ ich mich schon, welche Kinder ärmer sind. Vielleicht diejenigen, die im Stress unglücklich werden, für die man zu wenig Zeit hat? Ich beobachte seit vielen Jahren diese Begegnungen. Wenn die armen und die reichen Kinder ein Jahr lang zusammen waren, weiß man nicht mehr, wer da wem mehr geholfen hat. Die Straßenkinder den Wohlstandskindern oder umgekehrt? Bei der Rückkehr in den Westen kriegen die jugendlichen Helfer Augen für das, was sie selber haben. Und wenn man sieht, was man hat, wird man einfach glücklicher. Sie haben zudem erlebt, dass man sie braucht, dass sie selber manches Leben retten konnten. Das macht starke und beziehungsfähige Persönlichkeiten aus unseren Kindern. Man müsste viel mehr Brücken bauen, vor allem in dem Alter, in dem Kinder so offen sind.

Am Weltkindertag haben Sie aber noch eine ganz andere Gruppe im Sinn.

Georg Sporschill: Ja, nämlich all jene, die sich um Kinder kümmern. Es tut mir manchmal weh, wie die Lehrer schlechtgemacht werden. Lehrer sind bei uns die einzigen, die alle Kinder vor sich in der Schule haben. In der Pfarrei und in den Vereinen fehlen die einen oder anderen. Lehrer aber müssen mit allen Kindern fertigwerden. Das ist eine schwere Aufgabe, weil viele Familien überfordert sind. Die Patchworkfamilien, Geschiedene, Alleinerzieher – Familien haben es heute wirklich schwer. Die Lehrer müssen sich mit allen Kindern abkämpfen. Früher war das viel leichter, weil viele Kinder aus der Geborgenheit einer guten Familie kamen. Heute rollt die ganze Last, mit den Kindern fertigzuwerden, auf die Lehrer zu.

Was müssen Erwachsene in ihrer Beziehung zu Kindern am meisten beherzigen?

Georg Sporschill: Ich denke dabei an Janusz Korczak, den großen polnischen Arzt und Pädagogen, der mit all seinen Heimkindern freiwillig ins KZ gegangen ist. Man muss die Kinder als Persönlichkeiten ernst nehmen, hat er gesagt, und zwar als Kinder ernst nehmen, als solche, die noch nicht erwachsen sind. Nie mehr reden die Menschen so vertrauensvoll, so unbefangen, wie sie es als Kinder tun. Kinder sind so ein direkter Spiegel für die Erwachsenen. Manchmal sogar gnadenlos. An den Kindern zeigt sich oft das Gelingen oder Misslingen der Beziehung ihrer Eltern. Nicht selten werden Kinder in ihren Krankheiten behandelt, und in Wirklichkeit spiegeln sie nur die Probleme ihrer Eltern wider. Man muss die Partnerschaft mit den Kindern ernst nehmen. Weil Kinder einem viel zu sagen haben, oft mehr, als einem lieb ist.

Was treibt die Vorarlberger Jugendlichen an, in Ihrem Kinderprojekt mitzuarbeiten?

Georg Sporschill: Ich frage die Jugendlichen: Warum willst du nach Rumänien gehen oder nach Moldawien? Die sagen dann: Daheim braucht man mich nicht. Es ist ein Luxus, wenn ein Kind spürt: Auf mich kommt es an! Bei uns erfahren sie das alte Pfadfinderprinzip: Der Große schützt den Kleinen, Jugendliche lernen ihre Verantwortung für andere kennen.