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Streiflicht

Thomas Matt

Moderne Wallfahrt

Es mag den Vertretern der alten Religionen bitter schmecken, aber die Pilgerstätten von heute heißen Vitra, Alessi & Co. Wer eine der großen Designschmieden besucht, den umfängt das Sakrale augenblicklich: Menschen schreiten ehrfürchtig an Stühlen vorbei. Fingerkuppen streichen zärtlich über Lack und Metall. Die Bediensteten des hauseigenen Museums – natürlich haben Häuser wie Vitra der eigenen Exklusivität einen Tempel errichtet – die Bediensteten darin also gleichen Hohenpriestern, die nicht schnöde Tickets verkaufen, sondern die Gunst der Anschauung gewähren.

Der Japaner mit der kecken Wollmütze hat im berühmten Lounge-Chair Platz genommen, seine Gattin auf dem Marshmallow-Sofa. Jetzt sitzen sie da, ganz verinnerlicht, und spüren und denken vielleicht daran, dass selbst die hohen Nato-Regierungschefs schon auf Sesseln von Antonio Citterio getagt haben. „Skape“ heißt das Wunder in Muschelform, das neben Komfort auch „die Illusion von etwas Schutz vor der krisengeschüttelten Welt“ vermittelt. So sein Schöpfer. Den Beratungen des Militärbündnisses kommt diese Eigenschaft bestimmt sehr entgegen.

Was, fragt man sich freilich, macht das Sofa zum Tabernakel, den Schreibtisch zum Altar, das Chanel-Kostüm zum Messgewand? Vielleicht schaffen es die Designer ja einfach, unseren Alltag sonntäglich anzukleiden. So wird die Arbeit zum Gottesdienst und der Fernsehabend gerinnt zur Andacht. Das kann sich zwar nicht jeder leisten. Die Religion von heute hat ihren Preis. Aber selbst aus den Schaufenstern heraus erzählen ihre Geschöpfe davon, dass der Mensch in Wahrheit einzigartig statt Masse ist, individuell statt uniform, Wähler und nicht Stimmvieh.

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