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Kommentar

Peter Bußjäger

Postfaktisch

Immer wieder liest man in den Medien von einem „postfaktischen Zeitalter“. Nachdem dieser Begriff von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel verwendet wurde, durchläuft er eine Hochkonjunktur. Gemeint ist damit, dass sich viele Menschen nicht mehr von den offenkundigen Fakten überzeugen lassen, sondern lieber obskuren Verschwörungstheorien anhängen. Einen Extremfall bilden die sogenannten „Reichsbürger“, die der Meinung sind, dass das Nazireich nicht untergegangen ist und Deutschland in der Gestalt von 1939 weiterexistiert. Solchen Menschen ist mit Argumenten nicht beizukommen.

 

Manchmal gewinnt man allerdings den Eindruck, dass das postfaktische Zeitalter leider auch schon in den Köpfen der Eliten angekommen ist: Einer der prominentesten Wirtschaftskapitäne Österreichs klagte in einer öffentlichen Veranstaltung in Wien vor ein paar Wochen über den angeblich so komplizierten Föderalismus. Ein wesentliches Argument bildeten die neun verschiedenen Landesgesetze über das öffentliche Auftragsvergaberecht. Von meinem Einwand, dass es diese Gesetze schon seit 15 Jahren nicht mehr gibt, ließ er sich überhaupt nicht überzeugen.

Ein zweites Beispiel: Vor ein paar Tagen beeindruckte ein bekannter Sozialexperte ein hochrangiges Expertengremium in Graz mit den Erkenntnissen seiner letzten Geschäftsreise von Düsseldorf nach Bregenz. Der Vorarlberger Landtag in Bregenz habe so viele Abgeordnete wie der Landtag in Düsseldorf, das Parlament des 18-Millionen-Einwohner-Landes Nordrhein-Westfalen. Das Landtagsgebäude in Bregenz sei ja auch gleich groß wie jenes in Düsseldorf. Daran sehe man, wie teuer der Föderalismus in Österreich sei.

 

Ich habe versucht, dem Sozialexperten in der Pause beizubringen, dass der Landtag in Düsseldorf ungefähr sieben Mal so viel Abgeordnete hat, 50 Mal so viele Mitarbeiter wie der Vorarlberger Landtag und dass er in Bregenz das Regierungsgebäude mit dem Landtag verwechselt hat. Wenn er die Regierungsämter in Düsseldorf mit jenen in Bregenz verglichen hätte, wären die Relationen wieder im Lot gewesen. Vergeblich. In der nachfolgenden Diskussion wiederholte er völlig unbeeindruckt seinen Unsinn von vorhin.

Es wäre viel gewonnen, wenn sich wenigstens die Experten an Tatsachen orientieren würden und nicht an dem, was sie gerne für wahr halten.

peter.bussjaeger@vorarlbergernachrichten.at
Peter Bußjäger ist Direktor des Instituts für Föderalismus
und Universitätsprofessor in Innsbruck.

Solchen Menschen ist mit Argumenten nicht beizukommen.

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