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Das Jahr ohne Sommer – die Hungerkrise 1816/17

Michael Kasper erforschte die Hungerkrise im Montafon.

Michael Kasper erforschte die Hungerkrise im Montafon.

Ein Vulkanausbruch vor 200 Jahren hatte in weiten Teilen der Welt Hungerkrisen zur Folge.

Schwarzach. (VN-kum) Im April 1815 explodierte in Indonesien der Tambora. Die Auswürfe des Vulkans veränderten das Klima rund um den Globus für mindestens zwei Jahre und führten weltweit zu Hunger, Elend, Krankheit und Tod.

Der gewaltige Vulkanausbruch, vermutlich der stärkste in den vergangenen 10.000 Jahren, führte dazu, dass große Mengen von Asche und Aerosolen in die höhere Atmosphäre gelangten. Die reduzierte Sonneneinstrahlung und die verstärkte Wolkenbildung hatten weltweit eine Abkühlung von drei bis vier Grad Celsius über mehrere Jahre zur Folge.

Katastrophale Missernten

Das folgende Jahr 1816 war das kälteste Jahr der „Kleinen Eiszeit“. Es ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Die dramatischen Folgen: katastrophale Missernten und Hungerkrisen in großen Teilen der Welt. In Europa zählte der Alpenraum zu den am stärksten betroffenen Gebieten. Vorarlberg, die Schweiz und Süddeutschland traf es besonders hart.

Die Krisenjahre 1816/17 brannten sich tief ins kollektive Gedächtnis der Menschen ein. Noch 200 Jahre später, in Interviews des Heimatschutzvereins Montafon, wurde auf die Ereignisse Bezug genommen.

Ein Interviewpartner erinnerte sich beispielsweise an das Elternhaus eines Schulkollegen in Tschagguns, das im Jahr der Hungersnot für einen Sack Mehl gebaut worden sei. Auf diesem war folgender Spruch angebracht: „Als man zählte eins und acht, dazu noch eins und sieben, hat man dieses Haus gebaut und diesen Vers geschrieben. Es war in diesem Jahr eine große Hungersnot. Viele Leute ernährten sich von Gras und hatten gar kein Brot. Wenn wir frömmer werden leben, wird Gott bessere Zeiten geben.“

Menschen aßen Gras

Ein anderer Interviewpartner aus dem Montafon erinnert sich an die Erzählungen seiner Mutter, die wiederum von ihrem Großvater gehört hatte, dass in St. Gallenkirch/Galgenul 1817 drei alte Leute so schwer hungerten, dass sie wie Schafe auf allen Vieren Gras aßen und zwei davon Hungers gestorben sind.

Eine zeitgenössische Schilderung eines Priesters aus St. Gallen beschreibt ähnliche Zustände für das Jahr 1817: „Im Frühjahr schwankten Kinder und greise Menschen in Scharen, mit blassen, abgehärmten Gesichtern auf den Wiesen hin und her und sammelten ganze Säcke voller Kräuter, um sie roh oder im Wasser abgekocht zu essen. Möchte ich doch keinen solchen Anblick in meinem Leben mehr sehen müssen.“

Tödliche Lawinen

Der kalte und schneereiche Winter 1816/17 hatte die Lage noch zusätzlich verschlimmert. Die hohen Niederschlagsmengen führten in alpinen Regionen zu zahlreichen folgenreichen Lawinenabgängen. In St. Gallenkirch etwa wurden am 9. März 1817 im Ortsteil Rüti sechs Menschen bei einem Lawinenabgang getötet. Solche katastrophalen Ereignisse verschärften die ohnehin dramatische Notlage noch zusehends. Für das Montafon und viele andere Regionen ist nachgewiesen, dass die Notsituation am Höhepunkt der Hungersnot zu einer deutlichen Erhöhung der Sterberate im Jahr 1817 führte.

Das Jahr 1818 soll aber dann sehr fruchtbar gewesen sein. „Im Frühjahr wuchs alles sehr schnell. Als im August die ersten Brotlaibe auf den Tisch kamen, weinten die Leute vor Freude“, erinnert sich ein Montafoner im Rahmen der Zeitzeugeninterviews an die Erzählungen seiner Großmutter. Deren Großmutter wiederum hatte die Jahre 1816/17 miterlebt.

<p class="caption">Dieser Hungertaler erinnert an die Hungerkrise. Mit Steck- oder Schraubtalern hat man damals Ereignisse festgehalten.  Foto: Landesbibliothek</p>

Dieser Hungertaler erinnert an die Hungerkrise. Mit Steck- oder Schraubtalern hat man damals Ereignisse festgehalten. Foto: Landesbibliothek

Veranstaltungen

Die Winterausstellung der vier Montafoner Museen befasst sich mit der Hungersnot 1816/17. Sie wird am 27. November im Frühmesshaus in Bartholomäberg eröffnet. Die Hungerkrise ist auch Thema eines Symposiums des Arbeitskreises für interregionale Geschichte des mittleren Alpenraums. Es findet am 18. November in Chur statt.

Textquelle: das Buch "Jahre der Heimsuchung", Autor: Michael Kasper.  

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