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Zum Advent. Was der Advent 2016 den Christen zu sagen hat

„Friede auf Erden den Menschen …“

von Thomas Matt
Der Advent 2016 ereignet sich vor gesellschaftlich schwierigem Hintergrund.  Fotos: Thomas Matt

Der Advent 2016 ereignet sich vor gesellschaftlich schwierigem Hintergrund. Fotos: Thomas Matt

Der Advent trifft heuer auf eine verunsicherte, bedürftige Welt.

Bregenz. ™ Verflixt, fiel das schwer heuer. Ralf Stoffers sah aus dem Fenster. Der Wind trieb sein Spiel mit den letzten Blättern. Die Wolken hatten sich noch nicht entschieden, ob sie’s regnen lassen sollten. Er hatte den Fernseher angeknipst. Nachrichten. Das war ein Fehler gewesen. Jetzt sollte er eigentlich ein erbauliches Vorwort für den Gemeindebrief an die rund 2500 Bregenzer Protestanten verfassen. Das gehört sich so. Hübsch vorweihnachtlich. Aber es ging nicht. Er brachte die Bilder nicht aus dem Kopf.

Aleppo wird ausgelöscht. In Italien hatte wieder die Erde gebebt. Haiti war von einem Wirbelsturm verwüstet worden. Diakonie und Caritas baten um Spenden für das hungernde Äthiopien. Ein Irrer hatte seine Frau mit einem Seil am Auto festgebunden und durch die deutsche Stadt Hameln geschleift. Und jetzt? Ehre sei Gott in der Höhe? Stoffers hörte seine beiden Söhne nach Hause kommen. Nachdenklich goss er sich noch etwas Kaffee ein.

Diffuse Ängste

In der Feldkircher Neustadt riss etwa um diese Zeit Helga Kohler-Spiegel die Fenster ihrer Praxis weit auf. In wenigen Minuten würde der letzte Patient für heute kommen. Sie hätte gut und gerne noch zehn weitere drannehmen können. Aber der Tag hat halt nur 24 Stunden. Er ist für eine solche Häufung belasteter Seelen nicht gemacht. „Die meisten haben Angst“, sagt die Psychotherapeutin und -analytikerin später im Interview. „Angst vor gesellschaftlichen Entwicklungen, Sorgen ums Finanzielle. Sie fürchten sich vor Fremdem und vor der Veränderung.“ Manche müssen den Nachrichtenkonsum regelrecht drosseln, um nicht verrückt zu werden.

Weil Kohler-Spiegel Theologin ist, greift sie wie der evangelische Pfarrer von Bregenz in diesen Tagen verstärkt zu den Texten, die Hoffnung vermitteln sollen. Zu den Texten der Bibel. Sie werden an den Sonntagen in den Kirchen gelesen und ausgelegt. Das sind keine wissenschaftlichen Meisterwerke. Diese Geschichten erzählen vom Leben. Ganz praktisch, sehr nah. Auch die Weihnachtsbotschaft selbst ist so ein Text. „Im ersten Teil beschreibt sie die Welt, wie sie damals war.“ In Rom herrscht Kaiser Augustus. Sein Name riecht nach Frieden. Hat man noch in der Schule gelernt, „Augustäischer Friede“. Da ging es allen gut. Aber nicht im Nahen Osten. Dort war Krieg. Im jüdischen Königreich herrscht abgehoben eine schmale Priesteraristokratie. Im Volk gären alle Spielarten des antirömischen Widerstands, von der passiven Intifada bis zur bewaffneten Rebellion. Politische Abenteurer nähren die Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Königreichs Davids. Endlich wieder groß sein, bedeutend! Während Jesus in diesem Chaos heranwächst, führt weit im Westen, im heutigen Algerien und Tunesien, ein gewisser Tacfarinas seinen ganz eigenen Guerillakrieg gegen die Römer, der zeitweilig bis zu 15.000 Soldaten bindet.

Zahllose Aufbrüche

So ist die Welt, in die Jesus aus Nazareth hineingeboren wird. Dass seine Mutter hochschwanger quer durchs Land reisen muss, weil es dem Kaiser in Rom gefällt, sein Volk zu zählen, ist zwar absurd, passt aber ins Bild. Helga Kohler-Spiegel lässt den Text des Evangelisten Lukas sinken. Am Beginn der Weihnachtsgeschichte stehen also Unruhe und Aufbruch … und ziemlich viel Gottvertrauen. Die Bibel steckt voller solcher Geschichten. Abraham, der auswandert in eine neue, ungewisse Zukunft, Jakob, der fort muss, weil sein Bruder Esau ihn sonst umbringt, Josef flieht vor einer Hungersnot und Moses führt sein Volk aus der Unterdrückung.

All diese Menschen machen sich wider jede Vernunft auf einen aussichtslosen Weg. „Sie haben“, erklärt Helga Kohler-Spiegel, „eine innere Gewissheit, eine Zusage, dass sie begleitet sind.“ So liest sich das Herzstück des christlichen Glaubens. So nennt sich der Gott der Christen selbst: „Jahwe“, auf Deutsch „Ich bin da, ich bin bei Dir.“ Aus dieser Überzeugung heraus schreibt Pfarrer Ralf Stoffers unter die Aufzählung all der aktuellen Grausamkeiten auch die Worte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Und er denkt sich dabei: „Wir haben diesen Frieden auf Erden viel nötiger, als wir wahrhaben wollen.“

<p class="caption">Helga Kohler-Spiegel zählte kaum einmal so viele Angst-Patienten.</p>

Helga Kohler-Spiegel zählte kaum einmal so viele Angst-Patienten.

<p class="caption">Ralf Stoffers: „Wir haben den Frieden bitter nötig.“</p>

Ralf Stoffers: „Wir haben den Frieden bitter nötig.“

VN-Serie zum Advent

Die Zeit vor Weihnachten wird gemeinhin schon im September sichtbar, sie verdichtet sich bis zum 24. Dezember mittags zu einem Allegro furioso. Und ist dann schlagartig zu Ende. Der andere Advent, der eigentlich zuerst da war, der beginnt morgen. Er steckt voller stiller Momente, leiser Musik, guter Lektüre. Vielleicht sogar wieder mal Gedichte? Dieser Advent ist wirklich völlig anders. Und er ist kein Märchen. Es gibt ihn, in echt. In dieser VN-Serie soll er vier Mal zu Wort kommen.

Die vier Adventsonntage

Bregenz. Die jeweiligen Sonntage im Advent haben eine je eigene Bedeutung. Am 1. Advent wird die Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag bedacht. Der zweite Adventsonntag dient der Vorbereitung auf den kommenden Erlöser. Die Gestalt Johannes des Täufers steht am dritten Adventsonntag im Mittelpunkt, während der letzte Sonntag vor Weihnachten von den Katholiken Maria, der Mutter Gottes, gewidmet wird. Für die Protestanten steht im Mittelpunkt, sich von verändernder Freude anstecken zu lassen. Der 1839 vom evangelischen Pfarrer Johann Hinrich Wichern in Hamburg erfundene Adventkranz mit seinen Kerzen (ursprünglich waren es vier für die Sonntage und 19 für die Wochentage) und der noch jüngere Adventkalender mit seinen 24 Türchen (und was immer sich dahinter verbergen mag) haben im Grunde nur den Sinn: Sie sollen die Zeit bis Weihnachten abzählbar machen. Bis zur Geburt Jesu, dem eigentlichen Fest.

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