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Kommentar

Monika Helfer

Angst wovor?

Er kann es nicht benennen. Erst hat er Angst vor der Nacht, Angst, dass er nicht schlafen kann, Angst vor dem Traum, Angst vor dem Aufwachen, vor dem kommenden Tag, Angst vor dem Tod.

Sein Leben ist gesichert, er leidet keine Not, hat keine Schulden. Seine Frau hält zu ihm, die Kinder sind wie die meisten Kinder.

Er kreist um die eigene Mitte, sieht nicht nach links und nicht nach rechts. Von hinten kommt das Verderben, eine Krankheit, die er noch nicht kennt. Nein, er will sich nicht testen lassen. Auf keinen Fall. Denn wird er erst getestet sein, wird festgestellt, woran er leidet, da kann es nur noch schlimmer werden. Er will nicht wissen, wie es in ihm aussieht.

Er will nicht bei denen enden, die Bauklötze zählen und über Kreise hüpfen.

Er sieht eine steile Straße vor sich, ein Kind rennt, und es sieht so aus, als könnte es nicht abbremsen. Es trägt einen Brotlaib mit beiden Händen, es balanciert und fällt, es überschlägt sich, und der Mann kann es auffangen. Nichts ist geschehen. Alles gut. Er hebt den Laib vom Boden auf und reicht ihn dem Kind. Ist das ein Zeichen, und wenn, von wem? Das Kind sagt kein Wort, ist wie im Schock und läuft an ihm vorbei, weiter in eine Wiese hinein.

Der Mann möchte wissen, wo das Mädchen hingehört. Er geht in seine Richtung, die Gegend kennt er nur von den Sonntagspaziergängen. Hier wohnen alte Menschen, die einmal in der Fabrik beschäftigt gewesen waren. Die Fabrik ist geschlossen. Die kleinen Häuser wurden für sie gebaut. Sie verdienten wenig, bis sie alles abbezahlt hatten. Jetzt sind sie Hausbesitzer mit einem winzigen Garten, in dem sie Gemüse anpflanzen.

Der Mann sieht eine Frau bei der Gartenarbeit und fragt nach einem kleinen Mädchen, das Brot eingekauft hat. Es ist ihre Enkelin. „Warum fragen Sie, hat das Kind Schaden angerichtet?“

Er schüttelt nur den Kopf und macht kehrt. Er kann es sich nicht erklären, aber er fühlt sich wohl, so als hätte er ein Leben gerettet. Er sieht die roten Mohnblumen und den Ackersenf. Gelb und rot sind Farben, die ich lange nicht gesehen habe, denkt er. War ich denn blind?

Zu Hause riecht es nach Suppe, und die ist gut.

„Gute Suppe“, sagt er zu seiner Frau.

„Wie immer“, sagt sie. „Brauchst du Salz?“

„Kennst du Kinder, die Schaden anrichten?“, fragt er.

„Kommt darauf an, wie sie erzogen wurden“, sagt die Frau.

Seine großen Kinder sitzen vor ihren Computern und hören nicht, wenn ihnen gerufen wird. Der Mann stellt sich hinter seine Tochter und fragt: „Was spielst du da?“

„Hast du mich erschreckt“, sagt sie. „Kannst du nicht anklopfen? Ich dachte, ein Gespenst steht hinter mir.“

„Dein Vater ist das Gespenst.“

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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