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Südtiroler Inspiration für die Schulautonomie

von Birgit Entner
Die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen wurde in Südtirol in den 1960ern eingeführt.  Foto: APA

Die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen wurde in Südtirol in den 1960ern eingeführt.  Foto: APA

Bildungsreform: Modell für Österreich ist nicht neu. Es hat sich in Südtirol schon bewährt.

WIEN. Autonomie steht für mehr Freiheit. Diese möchte die österreichische Regierung den Schulen künftig zugestehen. Neu ist ihr Konzept nicht. In Europa gibt es bereits zahlreiche Beispiele dafür. Eines davon ist Südtirol. Die Schulautonomie wurde dort bereits vor 16 Jahren ausgebaut. Zusammenschlüsse einzelner Standorte zu einer Verwaltungseinheit sind in Südtirol längst üblich. Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) und Staatsekretär Harald Mahrer (ÖVP) eifern diesem Konzept nun nach.

Garant für Kleinschulen

Grundsätzlich planen sie, dass sich bis zu acht benachbarte Pflicht- oder Bundesschulen zu einem Cluster zusammenschließen und sich Verwaltung, Lehrkräfte oder Infrastruktur wie Sportplätze teilen können. Der Schulverbund wird von einem Clusterleiter gemanagt. Er wäre der neue Direktor. Dieser bestimmt die organisatorische und strategische Ausrichtung des Zusammenschlusses. Darunter fällt zum Beispiel die Entscheidung über Klassengrößen.

Bedenken, dass Kleinschulen durch dieses Vorhaben gefährdet sein könnten, schließt die Ministerin aus. Ähnliches ist aus Südtirol zu hören. Der Zusammenschluss mehrerer Standorte, ermögliche es, Kleinschulen zu erhalten und zu fördern, erklärt Peter Höllrigl, Leiter des deutschen Schulamtes in Bozen. Oft haben Kleinschulen nur drei oder vier Lehrer und wenige Schüler. „Ihr Korsett ist äußerst eng. Mit einem Cluster ergeben sich neue Spielräume und Möglichkeiten, zum Beispiel was Schwerpunkte oder Zusatzangebote betrifft“, sagt der Schulamtsleiter. Auch der grüne Bildungssprecher Harald Walser ist von der Clusterlösung überzeugt, wenngleich er sich größere Verbünde vorstellen könnte, als dies im Bildungsreformkonzept der Ministerin vorgesehen ist. Zusammenschlüsse von Standorten mit insgesamt 400 bis 500 Schülern wären ihm zufolge sinnvoll. Allerdings müsste die Mitsprache von Schülern, Eltern und Lehrern in pädagogischen Fragen gewährleistet bleiben.

Vorsichtige Reaktionen

Hammerschmid verspricht sich von den Clustern effizientere Strukturen. Geld, das frei würde, könnte autonom eingesetzt werden. Die Oppositionsparteien würden einen Schritt weiter gehen. So fordert Walser, dass Schulen noch mehr finanziellen Spielraum erhalten: „In meiner Zeit als Direktor musste ich schon zum Bundesbeschaffungsamt gehen, wenn ich nur Kugelschreiber bestellen wollte. Das ist zu bürokratisiert. Jede Schule sollte ein Budget erhalten und die Ausgaben etwa für Bücher und Lernutensilien selbst bestimmen. Lehrergehälter und Gebäudekosten müssen von der finanziellen Autonomie natürlich ausgenommen sein.“

Tücken der Autonomie

Schulamtsleiter Höllrigl warnt vor Konsequenzen. Die finanzielle Autonomie der Südtiroler Schulen schaffe durchaus komplexe Abläufe. Diese Erfahrung habe er jedenfalls gemacht: „Der Verwaltungsaufwand steigt durch das eigene Budget beträchtlich.“ Zentral wäre das eine oder andere dann doch leichter zu erledigen, glaubt Höllrigl. Die Autonomie selbst stellt der Bozner Schulamtsleiter aber nicht infrage: „Die Schulen können ihr Bildungsangebot auf ihr Umfeld abstimmen und schneller Erfordernissen entsprechen, die verändernde Schülerzahlen oder -zusammensetzungen mit sich bringen. Schulbehörden wären in diesen Fragen deutlich langsamer.“

Fehlender Sozialindex

Die Grünen glauben, dass neben der Autonomie eine sozialindexierte Verteilung des Geldes nötig wäre. Nach einem speziellen Schlüssel würden Brennpunktschulen über diesen Weg weitere Mittel erhalten. Das ist im Bildungsreformkonzept nicht vorgesehen, merkt Walser an. Lediglich das Geld aus dem Integrationstopf wird nach einem Sozialindex verteilt.

Auch in Südtirol gibt es diese Form der Finanzierung laut Höllrigl nicht, wenngleich der Bedarf groß wäre. Gezielte Zuschüsse an Schulen reichten nicht mehr aus: „Instrumente, die bisher gut funktioniert haben, greifen nicht mehr im gewünschten Ausmaß. Ein Sozial- oder Chancenindex wäre eine richtige Antwort darauf.“

„So weit sind wir nicht“

Schon lange umgesetzt – nämlich seit den 1960er-Jahren – ist in Südtirol hingegen die Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen. Sie wird von niemandem in Frage gestellt. „So weit sind wir in Österreich nicht“, gesteht Bildungsministerin Hammerschmid ein. Umso wichtiger sei es ihr gewesen, mit den Bildungssprechern aller Parlamentsfraktionen vor Ort zu sehen, wie gut das Modell funktionieren kann.

Was das für die Modellregion der gemeinsamen Schule in Vorarlberg heißt, ist offen. Eine Einigung mit dem Bund steht aus. Hammerschmid und Mahrer haben sich mehrfach auf das Bildungsreformpapier von November 2015 berufen. Demnach ist lediglich eine kleine Modellregion vorgesehen, die maximal 15 Prozent der Schulstandorte oder Schüler in einem Bundesland umfasst.

Cluster ermöglichen es, Kleinschulen zu erhalten.

Peter Höllrigl, Bozen
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