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Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Nicht korrekt

Asylobergrenze, Leitkultur oder Ungläubiger sind einige der Begriffe, die zum Unwort des Jahres 2016 nominiert sind. Welcher davon das Rennen macht, können Sie auf der Internetseite der „Forschungsstelle österreichisches Deutsch“ selbst mitbestimmen.

Dass derartige Kreationen überhaupt den Wortschatz bereichern, liegt an unserem Hang, manche unangenehme Wahrheiten nicht (mehr) offen aussprechen zu wollen. So erweitern wir die deutsche Sprache mit sogenannten Euphemismen, die das Besagte aufwerten, beschönigen oder gar vertuschen.

EU-Kommissar Günther Oettinger tat sich jedenfalls keinen Gefallen als er – vor vermeintlich halbprivater Runde – über Frauen, Schlitzaugen und die Pflicht-Homoehe lästerte. Dass er auch über Horst Seehofer und die Gremienkultur in Europa herzog, hätte wohl kaum wen gestört. Doch seine „saloppen Äußerungen“ (Eigendefinition Oettinger) über eine chinesische Delegation bzw. die politischen Forderungen Deutschlands auf europäischer Ebene haben den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg nicht nur zur Lachnummer, sondern auch zum Rassisten und Sexisten mutieren lassen.

Irmgard Griss ist zu Beginn ihres Präsidentschaftswahlkampfs ebenfalls in die Falle getappt, als sie erklären wollte, dass „es nicht so war, dass die Nazis von Anfang an nur ein böses Gesicht gezeigt haben“. Das war sehr unglücklich formuliert, doch was Griss in der Folge an Geisteshaltung unterstellt wurde, war mindestens ebenso abenteuerlich.

Politikern ist jedenfalls zu raten, manche Themen einfach zu vermeiden, aufgrund der Gefahr, sich in der Wortwahl zu vergreifen. Wer weiß schon, was man heute noch sagen darf, und was bereits als politisch unkorrekt gilt? Sind etwa Menschen mit besonderen Bedürfnissen statt Behinderter oder Migrationshintergrund statt Ausländer noch aktuell?

Einige sehen in dieser Entwicklung ein um sich greifendes Diskussionsverbot über wichtige Themen. Viele verstehen einfach die Diskussion nicht mehr. Und manche versuchen, aus dem Kampf um Antidiskriminierung und historische Sensibilität politischen Profit zu schlagen. So wie Donald Trump, der sich seit Beginn seiner Kampagne zum US-Präsidenten über alle Formen der political correctness stellte, egal ob er damit Frauen, Mexikaner oder Moslems beleidigte.

Trump kämpft auch für die Freiheit, ein Rassist und Macho zu sein, und war damit bisher über alle Erwartungen erfolgreich.

So weit darf es nicht kommen. Die entscheidende Frage lautet daher, wie es gelingen kann, eine verständliche und deutliche Sprache für unsere gesellschaftlichen Probleme zu finden, die nicht beleidigt oder hetzt, aber vor allem ohne Angst in die Korrektheitsfalle zu gehen.

Erst dann haben die Worthülsendrechsler in der Politik ein Ende. „Man muss die Ängste und Sorgen der Menschen ernst nehmen“ ist übrigens für den Unspruch des Jahres nominiert.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

Wer weiß schon, was man heute noch sagen darf, und was bereits als politisch unkorrekt gilt?

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