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Kommentar

Charles E. Ritterband

Der Gottseibeiuns

Vor Jahren inszenierte das Studententheater der Universität St. Gallen „The Real Inspector Hound“, eine geistreiche Krimiparodie von Tomas Straussler alias Tom Stoppard, des seinerzeit als philosophischster Stückeschreiber des Londoner West End hoch im Kurs stehenden Dramatikers. Kaum zufällig ist mir heute ein Satz aus jenem Stück wieder eingefallen: „Lassen Sie Gott aus dem Spiel!“

Jenen wohlgemeinten Ratschlag Stoppards hätte man gern Norbert Gerwald Hofer zum Auftakt der dritten Wahlkampfrunde mit auf den Weg geben. Dafür ist es nun aber zu spät: Gott mischt bereits mit, in Hofers Wahlkampf. Was hat den FPÖ-Kandidaten wohl geritten, „So wahr mir Gott helfe“ auf seine neuen Wahlplakate zu schreiben? Die Erklärung liegt auf der Hand: Wer Stimmen will, muss alle Register ziehen, möglichst alle Wählerschichten ansprechen und somit auch die gottesfürchtigen.

Dass er sich damit zwischen alle Stühle setzen würde, war ihm wohl nicht so ganz klar: Für die Einen ist Hofer nunmehr vollständig durchgeknallt, und die Kirche, zuständig für Gottesangelegenheiten, ausgerechnet die protestantische, der er sich im Jahr 2006 zugewendet hatte, nachdem er empört seiner ursprünglichen religiösen Heimat wegen derer „linksgerichteter katholischen Hexenjagd“ abtrünnig geworden war, protestiert: Gott lasse sich nicht für eigene Absichten oder politische Zwecke instrumentalisieren. Insbesondere dann nicht, wenn die politische Stoßrichtung des Betreffenden den Geboten der christlichen Nächstenliebe diametral entgegengesetzt ist.

Da erinnern wir uns gleich schaudernd (oder schmunzelnd) an Straches peinlichen Auftritt mit vorgehaltenem Kruzifix, in der Rolle des Großinquisitors in der Provinzaufführung eines imaginären Inquisitionsdramas. Dass Hofer allerdings mit seinem umstrittenen Spruch raffinierterweise noch anderes insinuieren wollte, ist der österreichischen Öffentlichkeit entgangen: Mit der suggestiven Zitierung der (allerdings fakultativen) präsidialen Vereidigungsformel auf seinen Wahlplakaten wollte er seine Wahl zum Bundespräsidenten gleichsam vorwegnehmen. Ganz schlau, aber keiner hat‘s gemerkt. Somit Ziel verfehlt.

Hofer hat die Instrumentalisierung Gottes für politische, patriotische, monarchistische und ideologische, ja selbst monetäre Zwecke keineswegs erfunden. Gott muss für alles Mögliche herhalten: Fanatische Islamisten ziehen mit dem Schlachtruf „Allahu Akbar“ (Gott ist der Größte) in den Kampf, die britische Nationalhymne gipfelt in der Formel „God Save the Queen!“, der Song „God Bless America“ (1918) gedieh allmählich zur inoffiziellen Nationalhymne der Vereinigten Staaten und selbst auf den Dollarnoten prangt das Motto der USA „In God we trust“, wir vertrauen auf Gott und nicht auf die Nationalbank oder den Internationalen Währungsfond. Und selbst die Präambel der Schweizer Bundesverfassung wird eingeleitet mit der Formel „Im Namen Gottes des Allmächtigen!“.

Wie allerdings die Berufung auf Gott zu einem sich als säkular definierenden Staat passen soll, muss man mir erst erklären.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

Hofer hat die Instrumentalisierung Gottes keineswegs erfunden.

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