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VN-Gespräch. Petra Ramsauer (47), Journalistin, Autorin, Politikwissenschaftlerin, Islamexpertin

Wie sich der Zusammenbruch des IS auf Europa auswirkt

von Michael Prock

Kriegsberichterstatterin Petra Ramsauer über die Situation im Nahen Osten.

Schwarzach. Islamischer Staat, IS, ISIS, ISIL, Daesh: Der Schrecken hat viele Namen. Bereits 2003 gegründet, erlebte die Terrormiliz 2014 ihren Höhepunkt, als ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in Teilen Iraks und Syriens das Kalifat ausrief. Mittlerweile wurden der Miliz empfindliche Niederlagen beschert, sie befindet sich auf dem Rückzug; nicht ohne Folgen für Europa, ist sich Petra Ramsauer sicher. Die Journalistin berichtet aus Kriegsgebieten, ist Politikwissenschaftlerin, Islamexpertin und in der Gegend bestens vernetzt. Sie betont im VN-Gespräch: „Die jüngsten militärischen Ereignisse werden große Auswirkungen auf Europa haben.“ 5000 bis 7000 Europäer sind als Kämpfer für den IS in die Schlacht gezogen, viele davon werden zurückkehren. „Was bedeutet das für die Sicherheitslage?“, fragt Ramsauer.

Die Journalistin ortet Anzeichen, dass sich der IS spaltet: „Es gibt so etwas wie einen arabischen Geheimdienst und einen europäischen Geheimdienst innerhalb des IS.“ Die Terrorzellen, welche für die Anschläge in Brüssel und Paris verantwortlich sind, seien deckungsgleich mit dem europäischen IS-Geheimdienst: „Da gibt es sogenannte Leutnants, die den Auftrag haben, nach dem Zusammenbruch des IS in Europa etwas Neues aufzubauen.“

Neue Erkenntnis

Das vorherrschende Bild geht von Europäern aus, die sich für den IS radikalisieren und im Nahen Osten kämpfen. Die Verhörprotokolle nach den Paris-Anschlägen würden offenbaren, dass dieses Bild  unvollständig sei: „Mehr und mehr zeigt sich, dass bestehende Terrorzellen den IS als Trainingsgebiet ausgenutzt haben. Sie haben sich dort professionalisiert und neu strukturiert, sind aber schon zuvor eine Terrorgruppe gewesen.“ Dennoch existieren Rekrutierer. Das Phänomen der Syrienreise hat allerdings aufgehört.

In Vorarlberg seien seit Jänner keine Ausreisen bekannt, auch österreichweit tendiere die Zahl gegen null. Doch es könnte nach der Rückkehr vieler Kämpfer eine neue Rekrutierungswelle geben, sagt Ramsauer. Die Voraussetzungen wären da. Schließlich sei die aktuelle Lage im Nahen Osten ein wichtiger Rekrutierungsgrund gewesen: Deine muslimischen Brüder sind in Gefahr, der Westen schaut zu. Diese Argumentation könnte etwa durch die Schlacht in Aleppo neue Nahrung erhalten.

Eine weitere Gefahr sei der Riss durch die Gesellschaft: „Wir müssen wissen, dass der große Propagandaapparat vor Ort von Europäern geleitet wird. Die wissen sehr genau, welche Debatten bei uns geführt werden.“ Sie würden Muslimen einreden, ausgegrenzt zu sein, was zu radikalen Meinungen führt, die wiederum die rechten Ecken in ihrer Islamophobie stärken und damit den Radikalismus im islamistischen Milieu befeuern. Für den richtigen Umgang mit Rückkehrern hat auch Ramsauer kein Rezept: „Wie soll man jemanden deradikalisieren, der eine Gehirnwäsche hinter sich hat?“ Ein Beispiel, wie es funktionieren könnte, sei die dänische Stadt Aarhus. Dort werden Rückkehrer nicht mehr inhaftiert, sondern mittels Mentoren in die Gesellschaft zurückgeführt. Für das Programm arbeiten der Polizeipräsident der Stadt und ein Hassprediger, aus dessen Moschee 27 Männer in den Krieg gezogen sind: „Der Ansatz ist schwer zu verdauen. Aber es gibt seitdem keine Radikalisierungen mehr und auch keine Ausreisen sind bekannt“, erklärt Ramsauer.

Experten sind sich nicht einig, was auf Europa zukommt, sollte der selbsternannte Islamische Staat zusammenbrechen. „Doch auch in der Szene herrscht Verwirrung“, fügt Ramsauer an. Hier gelte es anzusetzen. Wer wachsam agiere und neue Radikalisierungstendenzen frühzeitig erkenne, könne dem Terror einen entscheidenden Schlag versetzen.

Es gibt so etwas wie einen arabischen und einen europäischen Geheimdienst innerhalb des IS.

Petra Ramsauer

Zur Person

Petra Ramsauer

Freie Journalistin, unter anderem aus Kriegsgebieten, für: Die Zeit online, Die Presse, Haaretz,  NZZ am Sonntag, Profil, ORF. Jüngstes Buch: "Die Dschihad-Generation".

Geboren: 27. Juli 1969

Petra Ramsauer ist am Donnerstag um 19 Uhr in Feldkirch im Tisner Pfarrzentrum zu Gast. Sie hält einen Vortrag zum Thema: "Krieg und Terror im Nahen Osten"

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