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Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Amerikanischer Traum

Egal ob sich heute Hillary Clinton oder doch – wider alle Prognosen – Donald Trump auf den Job als US-Präsident vorbereitet: Sie werden viel Zeit und Mühe aufwenden müssen, um die offensichtlich gewordenen Gräben innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu schließen.

Ähnlich wie Österreich und andere europäische Länder zerfallen die USA nicht nur in Hochburgen für Republikaner und Demokraten, sondern es stehen sich mehr und mehr abgeschottete Welten gegenüber. Auf der einen Seite deutlich ältere, konservative, hauptsächlich weiße Wähler, die „ihr“ Amerika durch Minderheiten, technische Entwicklungen oder neue Familienformen gefährdet sehen. Demgegenüber stehen liberale Bürger, die Einwanderung als Bereicherung sehen, Homosexuelle zu ihren Freunden zählen und für die der Klimawandel eine reale Bedrohung darstellt. Clintons Wahlspruch „Stronger together“ (Gemeinsam stärker) wirkt nur wie ein hilfloser Versuch, diese Unterschiede bei Werten und Erwartungen zu überspielen.

Vor vielen Häusern weht immer noch die Stars-and-Stripes-Fahne, ein wichtiges Symbol und Bekenntnis zur gemeinsamen Nation trotz unterschiedlicher Herkunft. Doch der amerikanische Traum vom Land der Freiheit, Demokratie und Chancengleichheit scheint ausgeträumt. Ein Traum, der für viele Gruppen der Gesellschaft ohnehin Mythos war, denn die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär schafften nur jene, die in der richtigen Familie geboren wurden.

Selbst der Autor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, Thomas Jefferson, gründete seinen Wohlstand auf der Arbeit von 200 Sklaven. Den Widerspruch mit seinem Text, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, ließ er unbeantwortet. Mit dem Dokument schuf er aber den Ausgangspunkt einer 240 Jahre dauernden demokratischen Tradition.

Doch nun ist der Traum des Aufstiegs durch Leistung auch für weiße Arbeiter ausgeträumt. Ähnlich wie in Europa fürchtet sich die Mittelschicht vor der Zukunft. Ihre Löhne haben immer noch nicht das Niveau von vor der Krise 2008 erreicht. Studiengebühren für die Kinder sind inzwischen beinahe unerschwinglich geworden. Die Vorherrschaft des angloamerikanischen Lebensentwurfs wird nicht nur durch die Globalisierung, sondern auch durch demografische Verschiebungen innerhalb des Landes bedroht.

Vor acht Jahren gewann Obama die Wahl mit seinem Versprechen eines Change, eines Wechsels. Hillary Clinton steht heute für eine Fortführung seiner Politik, den Wechsel haben sich viele weiße Wutbürger allerdings von Trump erhofft. Er versprach die Rückkehr Amerikas zu alter Größe – angesprochen fühlten sich vorrangig weiße Männer. Ihr Zorn, ihre Skepsis und ihre Enttäuschung könnten den amerikanischen Traum zu einem Albtraum werden lassen. Wichtiger noch als die Siegesrede heute werden daher die Worte des Verlierers.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

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