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Frau löscht ihre ganze Familie aus

Drei Generationen lebten zusammen im ehemaligen Gasthaus in der Marktgemeinde Böheimkirchen.  Foto: apa

Drei Generationen lebten zusammen im ehemaligen Gasthaus in der Marktgemeinde Böheimkirchen. Foto: apa

Familiendrama in NÖ: Frau erschoss ihre Mutter, ihren Bruder und ihre drei Kinder, bevor sie sich selbst tötete.

Böheimkirchen. Bei einem Familiendrama in Niederösterreich soll eine 35 Jahre alte Frau ihre Mutter, ihren Bruder und ihre eigenen drei Kinder erschossen haben. Danach habe sich die Frau das Leben genommen. Die Bluttat war am Donnerstag in einem Wohnhaus im Böheimkirchner Ortsteil Schildberg entdeckt worden. Was zu der unfassbaren Bluttat geführt hatte, war am Abend noch völlig unklar. Die Leiterin der Staatsanwaltschaft St. Pölten, Michaela Schnell, gab unter Verweis auf laufende Ermittlungen keine Auskünfte. „Der Arbeitgeber eines Opfers hat die Behörden verständigt, weil die Person länger nicht zur Arbeit erschienen ist“, sagte die Leiterin.

Hintergründe noch unklar

Im Haus der Familie bot sich den Ermittlern ein Bild des Grauens. Die Opfer sind ihre 60-jährige Mutter, ihr 40-jähriger Bruder sowie ihre drei Kinder, zehnjährige Zwillingssöhne und eine siebenjährige Tochter. Die sechs Leichen wurden im Haus der Familie gefunden, wie die Polizei mitteilte. Die Frau soll auch den Familienhund getötet haben. Die Hintergründe waren zunächst aber unklar. Auch wie lange die Familie schon tot ist, war nicht bekannt. Darüber soll eine Obduktion Aufschluss liefern, die die Staatsanwaltschaft St. Pölten anordnete. Ebenso unklar ist, ob die Tatwaffe illegal im Besitz eines Bewohners war bzw. auf wen sie gemeldet ist. Die Spurensuche der Polizei im Haus lief mehrere Stunden auf Hochtouren. Am frühen Abend wurden die Leichen abtransportiert.

Familie lebte isoliert

Die Familie sei erst vor Kurzem zugezogen, sagte Bürgermeister Johann Hell (SPÖ). Persönlich kannte er sie nicht. Seit etwas über einem Jahr sollen die drei Generationen gemeinsam in der früheren Gastwirtschaft gelebt haben, die seit dem Einzug aber nicht mehr in Betrieb war. 20 Jahre lang hatte er das nahe der Westbahn gelegene Gasthaus geführt, ehe er das Gebäude vor gut einem Jahr an die aus der Umgebung stammende Familie verkaufte, erzählte der vormalige Gastronom, dessen Tochter noch im Nachbarhaus wohnt. Er beschrieb die Familie als „unauffällig“. Es seien keine Streitereien vorgefallen bzw. bekannt geworden.

Nach Angaben des ehemaligen Hauseigentümers hatte er am Donnerstag um 11 Uhr einen Anruf von der Polizei erhalten. Er wurde nach dem Zugang zu dem Gebäude gefragt, weil die Beamten das Haus überprüfen wollten. Die drei schulpflichtigen Kinder seien nämlich bereits seit drei Tagen vermisst worden.

Andere Nachbarn beschrieben die Familie als sehr isoliert und zurückgezogen. Die Kinder hätten nie den öffentlichen Bus benutzt, sondern seien von ihren Eltern zur Volksschule im nahen Bö­heimkirchen gefahren worden, sagte eine Geschäftsfrau.

Fassungslosigkeit

Unter der Bevölkerung herrschte Fassungslosigkeit. Bürgermeister Hell zeigte sich über die Tragödie erschüttert: „Wir sind alle betroffen.“ Er habe die in die Katastralgemeinde zugezogene Familie nicht persönlich gekannt. Es sei nichts über sie bekannt gewesen, sprach Hell gegenüber der APA von einer scheinbar „ganz normalen Familie“ – hineinschauen, hinter Mauern und in die Menschen, könne man nirgends.

Er wisse nicht einmal den Namen, meinte ein Mann, der seit 17 Jahren in der Gemeinde im Mostviertel wohnt: „Sonst kennen sich hier alle.“ „Nicht einmal vom Sehen“ hatten drei Berufstätige die Familie gekannt. Sie kamen gerade von der Arbeit zurück und meinten, es sei ein „Wahnsinn“, was da passiert ist.

<p class="caption">Primar Reinhard Haller. Foto: HK</p>

Primar Reinhard Haller. Foto: HK

Familientragödien

Oktober 2016: Ein junger Polizist gesteht in Wien, seine schwangere Freundin und den gemeinsamen kleinen Sohn getötet zu haben.

September 2013: In Wien bringt eine Mutter ihre beiden kleinen Töchter um und springt aus dem Fenster. Sie überlebt schwer verletzt.

September 2013: Ein vierjähriges Mädchen muss in Salzburg mit ansehen, wie sein Vater der Mutter die Kehle durchschneidet.

Mai 2008: Ein 39-Jähriger gesteht auf einer Polizeiwache in Wien, er habe seine Frau und seine siebenjährige Tochter sowie seine Eltern und seinen Schwiegervater mit einer Axt erschlagen.

Jänner 2007: Ein 67-jähriger Landwirt aus der Steiermark erschießt Frau und Sohn, bevor er sich selbst tötet.

Reinhard Haller: „Frauen begehen eher erweiterte Selbstmorde“

Böheimkirchen. Laut Gerichtspsychiater Primar Reinhard Haller liegt bei Frauen bei derartigen Bluttaten meist ein erweiterter Selbstmord vor. „Sie sind oft depressiv und wollen ihre Liebsten in eine vermeintlich bessere Welt mitnehmen.“

Außergewöhnlich an der Tat ist allerdings, dass die Frau ihre Opfer erschossen hat. „Das ist sehr selten“, sagte Haller. Es sei daher auch möglich, dass eine psychiatrische Erkrankung vorgelegen ist und die Frau unter Wahnvorstellungen gelitten hat.

Beim wesentlich öfter vorkommenden erweiterten Mord, der in der Regel von Männern begangen wird, ist die Motivlage eine vollkommen andere: Hier wird etwa bei einem Rosenkrieg ein gezielt gewaltsamer finaler Schlusspunkt gezogen.

Beim erweiterten Selbstmord ist das Motiv hingegen ganz anders. „Die Motivlage ist altruistisch“, sagte Haller. Täter empfinden eine Situation als vollkommen aussichtslos und möchten auch nicht, dass ihre Liebsten sich diesem Umstand noch länger aussetzen müssen. Der Täter will gemeinsam mit seinem Opfer alles hinter sich lassen und sie in eine bessere Welt mitnehmen.

Erweiterte Selbstmorde, bei denen meist Frauen die Täterinnen sind, sind in den vergangenen Jahren Gott sei Dank sehr selten geworden, sagte der Gerichtspsychiater. Ein Gebrauch von Schusswaffen ist dabei sehr ungewöhnlich.

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